Guinea

      Reisebericht

 

 

   

Ich nehme mir einen freien Tag. Ich will mit einem der Lastwagenbusse ein Stück ins Land, um mal dahinter zu gucken, hinter das Elend und den Dreck dieser Hafenstadt. Vielleicht ist ja irgendwo ein Stück von dem Afrika, daß man aus Büchern und Filmen kennt. Ich hab mir auf einer Karte einen groben Überblick über die nächsten Orte verschafft und schaue mir nun auf dem Marktplatz die Autos an und die handgemalten Schilder mit den Zielorten. Ein Name kommt mir bekannt vor, ich schwinge mich auf die Ladefläche und sitze eingeklemmt zwischen Frauen und Männern, die laut schwatzen und mit beiden Händen gestikuliern. Ob die sich alle schon vorher kannten, oder die Enge auf den beiden Holzbänken, zu beiden Seiten der Ladefläche des kleinen Lasters zu solcher Vertraulichkeit ermuntert, weiß ich nicht. Mir wird es in dem engen Körperkontakt und den intensiven Gerüchen bald ungemütlich, und ich überlege mir wann ich aussteigen soll.

Eine alte Frau mit einem kleinen Kind sitzt gleich neben mir. Sie redet unentwegt mit den anderen Fahrgästen, während das Auto auf der rotstaubigen Straße wilde Bocksprünge macht. Das  Kind wird unruhig, nörgelt und schreit schließlich. Es ist schrecklich heiß und staubig auf der Ladefläche. Die Frau nestelt an ihrem Kleid, holt ihre Brust heraus, einen faltigen, dünnen Hautsack, stopft dem Kind die Spitze in den Mund, das sofort zufrieden nuckelt und mit beiden Händen  in den Falten spielt. Wenn an der Straße Leute winken, hält der Wagen und  neue Fahrgäste klettern herauf. Dicken Frauen wird mit Gelächter und Scherzen geholfen, die lassen sich prustend auf einen Sitz fallen, verstauen ihr Gepäck, meist Körbe mit Gemüse und Früchten für einen Markt zwischen den Beinen der Anderen, es wird immer enger. In einem größeren Ort steige ich aus.

Das Licht ist gleißend, weiß durch eine dünne Wolkendecke  brennt die Sonne auf ein Chaos von Hütten, Trümmern, Menschen, Fahrzeugen, auf  ausgebreitete Waren. Die Farben verblassen  im weißen Licht, das braunrot von Erde und Staub  überzieht alles mit einem Film. Ich sehe mir an was es zu kaufen gibt: dicke schwarzfleckige Bananen, Süßkartoffeln in großen Mengen, Eier, Hühner und anderes Getier, Geschirr und Gerät, grob gefertigt aus Blech, Leder, Bast oder Ton. Ein junger Kerl hat Kofferradios und Zigaretten, ein anderer hat auf einem Stück Stoff gebrauchte Nägel in allen Größen, oberflächlich geradegeklopft. Ich verlasse das Zentrum in Richtung einer bewaldeten Anhöhe. Die Besiedelung wird lockerer, die Hütten stehen im dichten Grün und die Leute grüßen freundlich. Ein beleibter Mann hockt weißschaumig eingeseift über einer flachen Schüssel, schwarz und weiß, ein lustiges Bild, ich grüße ihn weil er mir so interessiert nachschaut. Eine Frau kommt hinter der Hütte hervor mit einem Eimer voll Wasser. Sie schüttet dem Alten das Wasser über den Kopf und macht ihn wieder schwarz, lacht, winkt mir zu, Bonjour monsieur.

Schweine grunzen im Unterholz, mein Weg verliert sich im Wald, durch die Palmenstämme sehe ich einen rötlichen Steilhang durchscheinen. Ich kehre um und suche mir aus der Stadt heraus eine andere Straße in die Umgebung. Ich laufe an kleinen Villen vorbei, etwas Garten davor mit Bougainvillen und Bananenstauden, erhöht auf Plattformen gebaut mit überdachten Veranden. Bei den meisten der Häuser ist außer einem Hund, der unter der Veranda im Schatten döst, niemand zu sehen, bis ich am Ende der Straße ein grauverwittertes Haus sehe, mit Resten von Farbe und Fassadenschmuck, schief hängenden Fenstern. Zur Veranda führt eine zerbrochene Treppe. Von oben aus einer Hängematte schaut mich ein Weißer an. Aber was für ein Weißer? Ein afrikanisches Tuch um den Oberkörper, verschlissene Shorts, barfuß. Auf dem Kopf ein Negerkäppchen, fahlgelbe Haut und ein grauer Stoppelbart. Er spricht mich auf französisch an, fragt wo ich hin will. Das Buch, das er in der Hand hält, hat einen goldverzierten Einband, ich erkenne arabische Schriftzeichen. Sollte das ein Koran sein? Ich antworte ihm, daß ich mich auf einem Spaziergang befinde, die Gegend mit dem lichten Palmenbestand

lockt mich. Ja, sagt er, nachdem er mich eine Weile nachdenklich angesehen hat, daß ich da ruhig gehen soll, ich käme dort an einen kulturellen Ort, was er wohl mit "site culturelle" meint. Ich gehe also weiter, lockeres Buschland, einzelne Palmengruppen, Teiche dazwischen. Nach ein paar hundert Metern fällt mir auf, daß vermehrt Geier umherfliegen, weiter hinten in Mengen auf den Bäumen sitzen. Der Weg führt in eine Senke, ich sehe ein schwarzes Dach, eine vierseitige Pyramide auf 4 Pfählen, Firste und Seiten dichtbesetzt mit Geiern. Das Dach überspannt eine Plattform mit Ablaufrinnen zum See, seltsam schwarzrot überzogen. Ein fauliger Geruch legt sich mir auf den Magen, ich muß mich überwinden weiterzugehen. Krächzend lassen sich die Geier vom Dach in ihre Flügel fallen, schweben träge mit ein paar Schlägen davon. Ein schrilles Kreischen von Millionen von Fliegen liegt über dem Fußboden, ich erkenne, daß dickes Blut in den Rinnen klebt. Langsam, entsetzt und angewidert erfasse ich nun alle Einzelheiten: Rinderköpfe liegen im Gebüsch um den Bau herum, liegen im flachen Wasser, die Hörner ragen manchmal durch die ölig schimmernde Oberfläche. Mir wird klar, daß es sich um einen rituellen Schlachtplatz handeln muß. In Conakry haben uns Deutsche besucht, die im Rahmen der Entwicklungshilfe einen Schlachthof bauen sollen. Sie haben von enormen Schwierigkeiten erzählt, die ich jetzt erst verstehen kann.

Das Zentrum von Conakry muß unter französischer  Verwaltung eine stattliche Stadt gewesen sein. Hinter üppigen aber verwilderten Gärten kann ich große Häuser erkennen, Säulenportale und reich geschmückte Geländer an den Veranden und Dachsimsen. Aber der weiße Putz ist mit schwarzen Flechten überzogen, das Eisen rostet und viele Fensterscheiben sind durch Sperrholz und Blech ersetzt. Die  Straßen und Plätze sind großzügig geplant, ein Spaziergang erfordert jedoch große Aufmerksamkeit und manchen Sprung  über  Löcher und tiefe Rinnen.

Jedes zweite Auto ist ein Taxi, alte klapprige Peugeots meistens, jeder hellhäutige Fußgänger wird ständig zum Einsteigen aufgefordert: "Monsieur Taxi?" und schon wieder rumpelt ein Autowrack ohne Scheinwerfer und Profil auf den Reifen einem fast über die Füße.

Markt ist in der ganzen Stadt, überall sitzen Frauen mit Obst und anderem Zeug aus ihren Gärten am Straßenrand, jeder hat was zu verkaufen, es wird geprüft, gefeilscht, gestritten und gelacht. Ich bin eingehüllt in den Lärm der Straße, während ich versuche das Durcheinander von Farben zu erfassen. Die Frauen haben farbenfrohe Kleider an, zusätzlich geschmückt und behangen mit bunten Tüchern, die meisten Männer tragen  einen Kaftan und ein buntes Käppi.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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