Auf dem Weg zum Dach Afrikas: Eine Besteigung des Kilimandscharo

Reisebericht

  

  

 

  

 

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Am nächsten Morgen geht es los. Im Office der Fa. Roy Safaris Ltd. werden uns die beiden Guides Edwin und John, der Koch Zacharias und ein Träger vorgestellt, die uns sicher den Berg hinauf begleiten sollen. Weitere 12 Träger werden in Marangu angeheuert. Mit dem Auto geht es nun über eine der wenigen geteerten Straßen von Arusha nach Marangu (ca. 150 km). Der Aufstieg beginnt. Das Gate liegt auf 1.970 m Höhe und der Weg führt uns auf wunderschönen Wanderwegen durch einen fantastischen Regenwald bis zu den auf 2.700 m Höhe gelegenen Mandara-Hütten. Riesige Farne und moosbewachsene Urwaldriesen säumen unseren Weg. Durch den Regenwald begleitet uns ein ewiges Zirpen und hin und wieder unbekannte Tierlaute. Manchmal sehen wir Affen durch das Dickicht streifen.Es sind etwa 8 km zurückzulegen und wir gehen sehr langsam, um eine bessere Akklimatisation zu erreichen. Wir benötigen ungefähr 3½ Stunden. Der Weg ist leicht ansteigend, die Witterung schwül und feucht. Wir kommen ins Schwitzen.

Plötzlich auf einer hügeligen Lichtung sehen wir die Mandara-Hütten. Wir befinden uns jetzt auf 2.675 m Höhe. Bei den Hütten handelt es sich um norwegische Zeltdachhäuser, die mit Entwicklungshilfegeldern aus Norwegen gebaut wurden. Wir beziehen unsere 2x3 m große Hütte, die für 4 Personen ausgelegt ist und machen nach einer Stunde eine kleine Wanderung zum Maundi Krater. Es geht vorbei an gelb und rot blühenden Fackellilien, blühenden Strohblumen und meterhohen erikaähnlichen Gewächsen. Der Maundi Krater liegt inmitten einer reizvollen Vulkanlandschaft. Man hat einen tollen Ausblick auf Rift-Valley. Nach unserem Spaziergang geht es zum Essen und anschließend ins Bett. Obwohl das Essen, dass unser Koch Zacharias unter schwierigen Umständen zubereitet, recht abwechslungsreich ist, müssen wir auf vieles verzichten. Noch heute denke ich mit Grauen an die vom Ruß geschwärtzten und dunklen Kochhütten und daran, dass das Fleisch, welches wir vorgesetzt bekamen, z.T. 5 Tage lang in Plastiktüten den Berg hinaufgeschleppt wurde. Auch die hygienischen Verhältnisse während der gesamten Tour sind alles andere als optimal. Total verschmutzte, sehr einfache Toiletten und ½ Liter Wasser am Tag zum Waschen reichen nicht aus, um 4 erwachsene und total verschwitzte Männer besser riechen zu lassen.

Die Etappe des 2. Tages von den Mandara zu den Horombo-Hütten ist etwa 11 km lang und führt bis auf eine Höhe von 3.725 m. Wir benötigen für diese Strecke fast 6 Stunden. Gleich hinter den Hütten geht der Weg hinein in den tropischen flechtenbehangenen Regenwald und weiter durch eine tropisch bewachsene Senke. Schließlich erreichen wir die Baumgrenze des Urwaldes. Und weiter führt der Weg über große Wiesenflächen. Hin und wieder können wir den Mawenzi-Gipfel (5.148 m hoher Nebengipfel) erkennen, wenn die Wolken ihn freigeben. Der Trail wird jetzt etwas eintöniger. Unterwegs sehen wir Riesen-Kreuzkräuter (Schopfbäume 4-5m hoch), die im übrigen nur in diesen Höhen in Afrika wachsen, am Wegesrand. Schließlich erreichen wir die Mandara-Hütten, die im gleichen Stil wie die Horombo-Hütten gebaut sind. Im Haupthaus nehmen wir unsere Mahlzeiten ein. Einige gestreifte Mäuse laufen uns über die Füße und sind auf der Suche nach Essensresten.

Der 3. Tag ist ein Akklimatisations- und Ruhetag. Wir machen einen Ausflug über die Upper-Route zum Sattel, der auf ca. 4.500 m liegt und ruhen uns den restlichen Tag aus. Wir trinken jeder etwa 5-6 Liter Flüssigkeit am Tag. Dies ist sehr wichtig, um nicht höhenkrank zu werden. Am 4. Tag geht es weiter zur Kibo-Hütte. Diesmal steigen wir über die Lower-Route auf, die etwas länger aber dafür nicht ganz so steil wie die Upper-Route ist. Die Vegetation geht immer mehr zurück. Es gibt nur noch niedrige heidekrautartige Pflanzen und Moospolster, die den ersten Teil des Weges säumen. Kibo (Hauptgipfel) und Mawenzie sind beide wolkenverhangen und nur selten geben die Wolken den oberen Teil des Kibo frei. Auf endlos langen Wegen vor uns zieht sich der Trail, auf dem wir die Träger mit den Lasten auf dem Kopf sehen. Wir erreichen die wüstenähnliche Hochfläche zwischen Kibo und Mawenzie. Die Luft wird hier oben schon spürbar dünner. Wir gehen weiterhin sehr sehr langsam und erreichen schließlich die auf 4.700 m Höhe gelegene Kibo-Hütte. Die Hütte ist ein kalter Betonklotz und erinnert mich wegen der Gitter vor den Fenstern an ein Gefängnis. Es hat zu schneien begonnen. Von anderen Gruppen, die vor uns angekommen sind, erfahren wir, dass einige Mitglieder schwer höhenkrank sind. Uns geht es gut.

Gipfelsturm

Gegen 23.30 Uhr werden wir geweckt. Draußen ist alles weiß. Es hat wieder kräftig geschneit. Wir machen uns fertig für den Aufstieg. Es gibt noch einmal heißen Tee und Kekse. Ich bin sehr aufgeregt, aber ich denke, den anderen geht es ähnlich. Gegen 0.30 Uhr beginnen wir mit dem Aufstieg. Wir sind mal wieder die letzten. Ein letztes mal, sagt uns Frank H. seinen Lieblingsspruch, der sich im endeffekt auch bewahrheiten sollte: "Erst am morgen werden die Schafe gezählt! Denn nachts kommt der Wolf!" Wir schalten unsere Taschenlampen ein und gehen ganz langsam im Gänsemarsch durch das zunächst flache aber ständig steiler werdende Geröllfeld. Vor uns erkennen wir mindestens drei Gruppen in einer Lichterprozession den Berg in Serpentinen hinaufsteigen. Der Weg zieht sich endlos lang wie Kaugummi. Ich starre nur auf die Füße meines Vordermannes. Beim ersten Schritt atme ich ein und beim nächsten wieder aus. Dabei denke mich mir im gleichen Rhythmus die folgende Litanei, die mich den ganzen Weg nach oben begleitet: "Ich schaff den Gipfel!"; Schritt nach vorne; einatmen; "Ich bin stark!"; anderer Fuß nach vorne; ausatmen. Edwin geht vorne weg und bestimmt das Tempo. Wir erreichen Mayer's Cave in etwa 5.200 m Höhe und machen hier eine kleine Rast. Irgendwo auf dem Weg kurz vorher lag ein Schild mit der Höhenangabe 5.000 Meter. Frank H. und Frank S. sind riesig enttäuscht, da ihre Uhren mindesten 150 Meter mehr anzeigen. Sie justieren ihre Uhren zurück. Das ist nicht so einfach, mal eben 150 Höhenmeter in diesem steilen Gelände zu verlieren. Ich habe glücklicherweise erst später davon erfahren.

Im nächsten Teil des Aufstieges, der immer steiler und anstrengender zu werden scheint, kommen wir an einer jungen Frau und ihrem Guide vorbei. Die Frau hat sich gerade übergeben und sieht auch nicht gesund aus. Ich weiß nicht, ob sie weiter gegangen ist. Wir steigen jedenfalls weiter von absoluter Dunkelheit umgeben auf. Über uns nur ein sternenklarer Himmel. Immer wenn ich mal nach oben schaue, komme ich sofort aus meinem Rhythmus und ich drohe, das Gleichgewicht zu verlieren. Deshalb starre ich wieder auf die Schuhe meines Vordermannes... Schritt vor... Einatmen... "Ich schaff den Gipfel!"... Anderer Fuß nach vorne... Ausatmen... "Ich bin stark!". Vor uns ziehen nur noch 2 kleine Gruppen den Berg hinauf. Deutlich an ihren Lampen zu erkennen. Edwin und John stimmen immer wieder Lieder an, die sie singen oder summen, um uns etwas abzulenken und den Berg "gnädig" zu stimmen. Ansonsten reden wir nur sehr wenig. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Mein Puls, den ich hin und wieder messe, ist permanent zwischen 120 und 140.

Nach dem Geröllfeld beginnt eine leichte Felskletterei. Jetzt müsste doch bald Gillman's Point kommen! Man glaubt, gleich hat der Weg ein Ende, da erhebt sich aus der Dunkelheit ein neuer Schatten. Schließlich, pünktlich zu Sonnenaufgang, erreichen wir Gillman's Point auf genau 5.715 m Höhe. Der Sonnenaufgang ist fantastisch. Wir sind total euphorisch und machen Bilder von der Gipfeltafel, dem gegenüberliegenden Mawenzie-Gipfel und dem gigantischen Kibo-Krater. Frank H. nimmt schon die zweite Aspirin-Tablette und macht vor der Kamera Werbung für Bayer. Rechts können wir den Stufengletcher erkennen und auf der anderen Seite des Kraters sehen wir Uhuru-Peak. Ein Katzensprung, denke ich. Aber vorsicht, das sind noch ca. 180 Höhenmeter. Erstaunt stellen wir fest, dass das Wasser in unseren Flaschen gefroren ist. Ich trinke trotzdem und esse ein Stück Schokolade. Das war ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Zur Zeit geht es uns allen gut und wir beschließen, weiter zum Uhuru-Peak zu marschieren. Ein letzter Blick über die Aufstiegsroute nach unten. Dann geht es weiter.

 


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