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Weißer Strand soweit das Auge reicht, Palmen, die sich im Wind wiegen und das Geräusch
eines erwachenden Urwalds anstelle plärrender Werbeeinblendungen des Radioweckers -
das Bewusstsein, dass es sich um einen jener Augenblicke handelt, um den mich Freunde,
Bekannte und mein ansonsten eher maulfauler Bäcker zuletzt ziemlich wortreich beneideten,
lässt mich unverschämt breit grinsen. Mit einer leichten Kopfdrehung füttere ich den inneren
Schweinehund noch einmal und genieße die azurblaue Weite des indischen Ozeans. Da ich
an Deck geschlafen habe, kann ich mitverfolgen wie die kleine Insel vor unserem Ankerplatz
erwacht und die Geräusche der Affen und Vögel langsam zum ohrenbetäubenden Crescendo
ansteigen. Spätestens dann dauert es nicht mehr lange bis Hartmut und Karl auftauchen.
Eigentlich wollten wir an diesem idyllischen Platz bloß einen Tag ankern, doch nach den
hinter uns liegenden Strapazen haben wir uns kurzerhand etwas Ruhe verordnet, doch am
besten fängt man bekanntlich am Anfang an:
Zu Beginn des Jahres traf ich mich mit zwei Freunden - Hartmut und Karl - an der
Westküste Thailands. Natürlich nicht auf das obligatorische Bier im Nachleben von Phuket -
höchstens eins, oder zwei... - sondern um auf Hartmuts 12-Meter Yacht "Vaka-LeLe" (für
Insider: eine modifizierte Roberts 35 mit Flushdeck-Sloop und Centercockpit) zu segeln und
zu tauchen. Eigentlich recht simpel, doch sollte es zu den "Andaman und Nicobar Islands"
mitten im Indischen Ozean gehen. Einer der abgelegensten Regionen Indiens. Ein Trip den
wir seit Jahren planten und aus diversen Gründen immer wieder verschieben mussten. Nun
also war es endlich soweit und wir brechen auf, um rund 2000 Seemeilen hin zu
paradiesischen Inseln und traumhaften Stränden zu meistern.
Wir, Hartmut der Skipper, Karl der
Dive-Instruktor und ich, Rüdiger der
Grünschnabel sind das perfekte Team für diese
Expedition. Wobei ich den Part des Drinkmixens
übernehmen werde. Hartmut ist ein alter Hase. Er
hat mit diesem Boot schon 2½ mal die Welt
umsegelt, seine umfangreichen Kenntnisse nicht
nur über sein selbstgebautes Boot, sondern auch
über Medizin und Technik sind beruhigend. Für
alles hat er eine Lösung parat... Karl ist auf dem
Gebiet ähnlich erfahren. Ich werde wohl von den Erfahrungen der anderen profitieren.
Direkt in der zweiten Nacht bietet sich schon die
Gelegenheit: Bereits auf hoher See, schleichen sich ach
so dunkle Wolken in mein schönes Sternenhimmel-
Bild. Ich bin froh meine Nachtwache an Karl abgeben
zu können. Ohne schönen Ausblick möchte ich doch
lieber in mein kuscheliges Bett. Irgendwie beschleicht
mich jedoch das ungute Gefühl, dass sich um uns herum
etwas zusammenbraut. Plötzlich werde ich in der
Bugkabine auf die andere Seite geworfen. Die
"Vaka-LeLe" bäumt sich auf und wirft sich wie ein wild gewordenes Tier von einer Seite auf
die andere. Oben höre ich nur wildes Umherlaufen und hektisches Hantieren. Mit einem Puls
von 180 springe ich, wie von einer Tarantel gestochen, aus dem Bett. Der Wind hat plötzlich
komplett gedreht und wir sind gezwungen, bei Nacht und Seegang die Segel zu wechseln.
Wir turnen herum wie Hochsee-Akrobaten. Es bleibt keine Zeit für Angst, wir müssen
handeln und brauchen alle Konzentration für Gleichgewicht und Action. Mal sieht man in die
gähnende Tiefe, wenn man auf einem Wellenberg ist, mal schaut man gegen eine riesige
Wasserwand. Für mich ist die Situation absolut beängstigend. Immerhin sind wir schon ca.
400 km vom Festland entfernt. Diese Entfernung ist nicht mit ein paar Schwimmzügen
überbrückt, falls der Kahn uns im Stich lassen sollte. Wir verziehen uns unter Deck. Jetzt
haben wir Zeit und es beginnt die eigentliche Phase von "Angst fressen Seele auf". Ich frage
mich, was ich hier überhaupt mache. Ist es das, was ich wirklich wollte? Habe echt Angst
um mein kleines Leben. Hartmut versucht es mit beruhigenden Worten, doch die nehme ich
nicht an. Für mich ist Titanic-Stimmung.
Tags drauf gehe ich morgens an Deck und begrüße
die Jungs. Das Meer ist glatt wie ein Ententeich, nicht
die geringste Welle oder Wind. Wir haben den
Eindruck als würden wir uns durch einen Ölteppich
schieben. Es dauert nicht lange, bis die Hitze
unerträglich wird. Der Tag ist total unwirklich und
vergeht mit Seele baumeln lassen, lesen und der
Suche nach Schatten. Die ganze Szenerie ohne
Wellen und Wind, wie wir so über das weite Meer
tuckern, ist so unwirklich, daß sie fast schon unheimlich ist. Gegen abend bekommen wir
einen grandiosen Sonnenuntergang, sehen dabei Delphine in der Ferne springen. Plötzlich
merke ich, daß auch ein ganzes Rudel Delphine um unser Boot herum schießt. Sie sausen mit
einem Affenzahn am Boot vorbei, kreuzen vor dem Bug der "Vaka-LeLe" hin und her,
springen immer wieder aus dem Wasser. Es sind schätzungsweise 15 Delphine, die eine
Zirkusnummer aufführen. Wenn sie aus dem Wasser kommen kann man hören, wie sie
saugartig Luft holen. Die Delphine begleiten uns noch einige Stunden, bis sie wieder in der
Weite des Meeres verschwinden.
Die Nacht bricht herein und es wird regelrecht unheimlich. Dunst liegt über dem Meer, doch
er kann nicht abziehen, da kein Wind weht. Ich sehe auf meiner üblichen Nachtwache nichts,
bis endlich der Mond aufgeht, und die Szenerie zumindest vor uns etwas erh ellt. Doch
dadurch wird alles noch gespenstischer. Meine Fantasie läßt den Klabautermann ächzend an
Bord kriechen. Man hört erst nur das kratzen seines Hakens, mit dem er sich über die Reling
zieht. Die ganzen anderen Gestalten seiner Gefolgschaft bringen einen unangenehm
verwesenden Geruch mit sich... an Deck stehen die toten Seelen ertrunkener Seemänner, um
uns mit Enterhaken nach unserem Leben zu trachten...
Nach vier Tagen und Nächten kommen wir im
Hafen von Port Blair auf den Andaman Islands an.
Wie sagt Hartmut immer so schön: "Ankommen ist
das Schönste". Und genau so ist es. Mir fällt ein
Stein vom Herzen, daß zumindest die Hinfahrt
schon mal gut gegangen ist. Doch jetzt beginnt das
indische Behördendrama. Kein Mensch ist auf
Touristen eingestellt, wir schlagen uns weitere vier
Tage inklusive Bestechung mit den Behörden rum,
um endlich mal wieder festen Boden unter die
Füße zu bekommen. Das Bedürfnis ist allerdings sehr bald gestillt. Nach ein paar verbotenen
Bieren verabschieden wir uns sehr bald vom Festland und legen die "Vaka-LeLe" in eine
einsame, paradiesische Bucht. Der Dschungel und dessen Bewohner lullen uns mit ihren
Geräuschen in einen traumhaften Zustand der Verzückung. Absolut intakte tropische
Vegetation...An einem vorgelagerten Riff machen wir Tauchgänge in eine wirklich
bezaubernde Unterwasserwelt, die ich wohl nie vergessen werde. Verschiedenste Fische,
aber auch Haie, Schildkröten, Rochen, Tintenfische usw. kreuzen unsere Wege. Nur leider
geht uns immer wieder die Luft aus.
Abends feiern wir die überstandene Überfahrt. Wir liegen fett auf Deck, schauen in den
kitschig roten Sonnenuntergang und hören eine alte Oper von "Enrico Caruso". Das wir den
chilenischen Rotwein genießen, steht außer Frage. Was kann einem besseres widerfahren,
als Abenteuer in fernen landen zu überstehen und danach im Paradies zu landen?
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