Auf der Carretera Austral

700 km auf der südlichen Autopiste in Chile, der Panamericana

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Reisebericht Chile Carretera AustralProf. Dr. Eike Uhlich läßt dem Reisen den Raum, den es bis vor wenigen Jahren aus beruflichen Gründen nicht einnehmen konnte. Mit seinem Expeditionsfahrzeug reist er abseits gängiger Pfade rund um den Globus. Diese rastlose Neugier nach fremden Völkern, fernen Ländern, versunkenen Kulturen teilt er mit seiner Frau und häufig auch Freunden. In dem folgenden Bericht beschreibt er seine Fahrt auf der Carretera Austral.

 

Man bezeichnet die letzten und südlichsten 1300 km der von Alaska kommenden Panamericana (also von der südchilenischen Bezirkshauptstadt Puerto Montt an bis hin zu ihrem definitiven Ende bei den Hütten von Puerto Yungay) einfach als "Carretera Austral", als "südliche Autopiste".

Sie ist schmal. Aber sie ist wichtig. Denn es gibt nur diese eine Straße. Ein anderer Landweg in Nord-Süd-Richtung existiert nicht. Und diese eine Piste ist noch nicht einmal zwanzig Jahre alt. Es ist auch keine "normale Straße" wie wir sie kennen. Sondern es ist eben eine "Piste", also ein Schotterweg, staubig im Sommer, schmierig in der Regenzeit, kaum passierbar im Winter.

Manchmal kommt der Wald so nahe, daß die Zweige sich rechts und links am Fahrzeug reiben. Die Bäume und Büsche der Carretera haben auch bei uns sichtbare Spuren und Schrammen hinterlassen! Am Lack unseres Autos. Sozusagen Narben von der Carretera, auf die wir stolz sind und die wir nicht beseitigen! Es ist schon so: Auf der Carretera Austral gefahren zu sein, ist ein faszinierendes Ereignis und ein unvergeßliches Erlebnis! Doch noch sind wir nicht dort! Ich muß schön der Reihe nach berichten!

Zunächst sind wir bei unserer Tour nach Norden der Empfehlung unseres Reiseführers gefolgt. Er versprach in seinem Südamerikabuch eine "atemberaubend schöne Zufahrt" zur Carretera. Über die Piste am Südufer des Lago Buenos Aires, von Argentinien kommend. Dieser zweitgrößte See Südamerikas liegt je zur Hälfte in Argentinien und in Chile. Er bildet eine Art querliegenden Einschnitt durch die nord-südlich verlaufende Andenkette. Und er ist so groß, daß man ihn auf jeder Südamerikakarte mühelos findet. Der Grenzort in Argentinien heißt Los Antiguos, "die Alten". Deshalb dieser Name, weil schon zu Zeiten der Indianer hier die Senioren, eben die Alten, wegen des milden, warmen Klimas ihren Lebensabend verbringen durften. Und gleich jenseits des Ortsrandes findet dann die (im übrigen rasche und sehr höfliche) Grenzkontrolle in Chile Chico statt.

Chile ReiseberichtGenau hier, mit Blick auf eben dieses saubere und freundliche, fast schmucke chilenische Grenz-, Hafen- und Fischerstädtchen und die sich im Blau des Sees spiegelnde, gegenüberliegende Bergkette verbringen wir einen geruhsamen Nachmittag und Abend. Wir haben einen herrlichen Lagerplatz auf einem kleinen Felsen oberhalb des kristallklaren Sees gefunden. Die Sonne brennt auf uns herab. Unser Thermometer steigt auf über 30 Grad im Schatten. Im Wasser bleibt es allerdings schon bei heroischen 12 Grad stehen (gemessen, nachdem ich hineingesprungen bin!).

Mit frischen Kräften und ausgeruht starten wir am 10. Januar 1999 auf der empfohlenen Passage am Südufer des Sees in westlicher Richtung ... Um es vorweg zu sagen: Nach etwa 120 Kilometern und rund 8 Stunden erreichen wir 1. das Ende des Sees (der hier in Chile jetzt "Lago General Carrera" heißt), 2. den planmäßigen Anschluß an die Carretera Austral und 3. erneut einen herrlichen Lagerplatz auf einer weiträumigen Landzunge mit hohen, alten Laubbäumen.

Zu Beginn unserer Route am Morgen quält uns die ausgesprochen schlechte Piste arg. Der Fahrer muß sich voll auf den Weg konzentrieren, sodaß er nur am Rande die gewaltigen Berge und die hier besonders bunten Felsen mit den tiefen Einschnitten bewundern kann. Von irgendwoher bringen größere oder kleinere Bäche ihr Schmelzwasser zum See. Die Brücken sind schmal, die Kurven eng. Wir klettern mit unserer Uferstraße immer steiler in die Höhe. Sie wird zum Gebirgspfad. Links geht es senkrecht nach oben, rechts bodenlos tief zum Wasser, das blau-schwarz unter uns liegt. Wir sehen kein einziges Schiff, fast keine Häuser, sehr selten so etwas wie eine Bucht, keinen Strand, keine Menschen.

Bei einer besonders schönen Aussicht bleiben wir einfach auf der Piste stehen. Wir versuchen, die immer wieder neuen Ausblicke auf dem Photo fest zu halten. Besonders begeisternd sind die schneeweiß glitzernden Andengipfel, der strahlend hellblaue Himmel darüber, das tief dunkle, fast schwarzblaue Wasser, und der Wechsel zwischen den grau-grünen Wäldern und den vielfarbig dunklen Felswänden am gegenüberliegenden Ufer. Mitunter kommen uns die schneebedeckten Gipfel auf der anderen Seite des Lago Buenos Aires ganz nahe vor. Wir meinen, einen kleinen namenlosen Gletscher zu erkennen, sehen Bäche von Schmelzwasser und Wasserfälle.

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