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Zwischen
1994 und 2000 bereiste Jörg Hertel für insgesamt acht
Monate den entlegensten Platz der Welt, die Osterinsel im Pazifischen
Ozean. Dort verbrachte er viel Zeit in verschiedenen Großfamilien,
in die sich die inzwischen 4500 Einwohner der Insel aufteilen.
Von diesen Erfahrungen und Erlebnissen zeugen nicht nur über
300 Seiten Notizen, sondern auch rund 6000 Dias und 40 Stunden
digitales Tonbandmaterial. Er beleuchtet die aktuelle Osterinselforschung
ebenso wie die mystische Aura, die diese Insel immer noch umgibt.
Zu einer der großen Fragen der Insel, nämlich dem
Warum der Antlitze der Steingiganten, der Moai, ist Jörg
Hertel eine Entdeckung geglückt, die auch schon auf internationalen
Pazifikkongressen in New Mexico/ USA und auf Hawaii zu Diskussionen
angeregt hat.
Ich setzte mich auf einen stuhlhohen
Kiesel und schaute hinaus aufs Meer. Hier unten war mein Blick
durch ins Wasser laufende Klippen stark eingeengt. Stattdessen
entdeckte ich linker Hand an einer bizarr geformten Felswand
einen natürlichen steinernen Tritt. Dort hatte die Lava
im Erkaltungsprozeß besonders auffällige Formen hinterlassen.
Gasblasen hatten Auswölbungen hervortreten lassen. Härteres
oder schon erkaltetes Gestein hatte scharfkantige gestreifte
Linienführungen gebildet. Denen folgte ich jetzt nach einigen
gewagten Schritten über loses mannshohes Geröll. Nach
40 Metern stand ich vor dem Nichts, das viel tosende Brandung
bereithielt.
Ich kostete das Wasser aus den kleinen Tümpeln in den
Felsspalten um mich herum. Es war Salzwasser. Es rührte
also nicht vom Regen her. Der war heute nur über dem Gebiet
des Terevaka niedergegangen. So durfte ich den Brechern unter
mir zutrauen, die 4 Meter bis zu mir nach oben leicht überwinden
zu können. Das beeindruckte mich zwar, doch es hielt mich
nicht davon ab, genau an dieser Stelle Platz zu nehmen. Ich
setzte mich auf den steinernen Boden und ließ die Beine
über den Klippenrand herunterhängen. Das war wegen
der teils messerscharfen Felskanten nicht besonders bequem.
Doch ich glaubte, es sei typisch osterinsulanisch, und genau
das brauchte ich jetzt.
Vor meinen Augen verschwamm die steinige Landschaft.
Die Monate meines Aufenthaltes zogen in meinem Kopf an mir vorüber
wie das Rauschen der Brandung zu meinen Füßen. Mir
fielen Hopo und Lynn Rapu ein, die beiden hochmusikalischen
Brüder, denen ich phantastische Aufnahmen zu verdanken
hatte. Ich hörte ihre meistens überraschend gestellte
Frage »Willst du nichts aufnehmen?« genauso in mir
klingen wie ihre Lieder. Mal hatten sie sich auf Gitarre und
Ukulele begleitet, mal a capella gesungen und einige Male hatten
sie Keho, die musikalischen Steine zur Hand genommen, um den
gesungenen Rhythmus zu unterstützen, so wie es früher
auf Rapa Nui war. Damals hatte ich schon gemutmaßt, daß
der Rap eine osterinsulanische Erfindung ist. Jetzt kam mir
die Idee, daß Rockmusik ihrem Namen nach nur von hier
stammen konnte. »Steinmusik« oder »Felsmusik«
- nirgends konnte es eine dichtere Entsprechung zu diesem Wort
geben als auf Rapa Nui. Die Insulaner machten schon vor Jahrhunderten
Rockmusik und die Insel selbst seit Jahrhunderttausenden! Die
Wellen spielten auf der Küste der Osterinsel ihre unendliche,
ihre heimliche und unheimliche Musik und sie tun das bis zum
heutigen Tag. Jede neue Welle brachte beim Heranbrausen wie
zur Bestätigung meiner Gedanken eine neue Nuance, eine
weitere Variation dieses uralten Spiels mit.
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