Der heilige Gerasimsos soll gegen Irrsinn helfen

Auf der griechischen Insel Kephallinia

  

  

  

  

 

Kephallinia ist die größte unter den Eptanisa, den Sieben Inseln - wenn man die vielen kleineren wie Kalamos, Kastor, Antipaxi und Antikythera nicht mitzählt -, die wie eine Perlenkette vor dem Festland liegen: von der Küste Albaniens im Norden bis zum östlichsten Finger des Peloponnes bei Monemvasia. Io, Priesterin der Hera, Tochter des argolischen Flußgottes Inachos, in die sich der ewig nach Abenteuern suchende Zeus verliebte, lieh den Inseln und dem sie umspülenden Meer den Namen.

Wie kaum eine andere der Sieben Inseln ist Kephallinia von einer ungewöhnlichen landschaftlichen Vielfalt: Steilküste im Nordwesten, eine windzerzauste Ebene hoher, nur spärlich bewachsener Dünen auf der Halbinsel Paliki im Südwesten, fruchtbare Täler und flaches Land im Südosten, wo sich ein Dorf an das andere reiht.

Kephallinia lag seit ewigen Zeiten im Wettstreit mit der zweitgrößten der Ionischen Inseln, Korfu oder Kerkyra, wie sie die Griechen nennen. Ob dies der Grund dafür ist, daß man den Kephalliniern eine besonders reiche Phantasie beim Geschichtenerzählen zuschreibt - um nicht das unfreundlichere Wort Lügen zu gebrauchen -, sei dahingestellt. Es ist nur eine von manchen Eigenheiten, durch die sich die Bewohner der Insel vom Rest der Griechen unterscheiden. Gute und schlechte sind es, die ihnen zugeschrieben werden. Positiv hervorgehoben werden ihre Musikalität, die sich im Singsang des Dialekts deutlich widerspiegelt, und ihre Liebe zur Oper, als negativ gilt, daß sie am besten fluchen und daß sie unter einem Volk, das nicht immer rational denkt und handelt, noch ein bißchen mehr "verrückt" wären. Deswegen vielleicht wird hier der heilige Gerasimos besonders verehrt, dem Heilkräfte gegen Irrsinn zugesprochen werden. Vor allem jenen, die an seinem Festtag, dem 20. Oktober, im großen Kloster die Nacht über Andacht halten, soll er helfen.

Gepflegte Felder, auf denen Wein, Oliven, Baumwolle, Erdbeeren und Zitrusfrüchte gedeihen, füllen die Ebene, die sich in einer großen Mulde vom Paß bis an die Küste im Südosten erstreckt. Hier in der Höhe ist die Luft noch erfüllt vom würzigen Geruch der Tannen. Von den Wäldern einer Schwarzkiefer, die nur hier heimisch ist und den Venezianern zum Schiffbau gerade recht war, sind nur noch Reste verblieben. Seit 1962 ist der letzte Bestand auf dem 1600 Meter hohen Aenos- Berg, den die Venezianer seines Bewuchses wegen den "schwarzen Berg" nannten, unter Schutz gestellt. Eine kurvige Straße führt von der Hauptstraße in den Nationalpark - zuerst mit einer schmalen Asphaltdecke und dann ein holpriger und steiniger Pfad.

Für Griechen ist in ihrer langen und leidensvollen Geschichte die Emigration schon immer von großer Bedeutung gewesen, notwendig, da das Land kaum die Menschen ernährte, bevor modernere Anbaumethoden und der Tourismus das Bild verändert haben. Auch von dieser Insel zogen viele in die Welt, deren Nachkommen heute im Sommer "heimkehren"; aus Südafrika, Kanada, Australien und den Vereinigten Staaten. Einer der Auswanderer, Konstantin Yerakis, machte eine besonders aufregende Karriere: Er verdingte sich bei der Britisch East India Company, wurde vermögend und stieg im Zenit seines Erfolges bis zum Regenten von Siam auf. Der Unterstützung seiner vielen erfolgreichen Emigranten verdankt Kephallinia, daß es nach dem verheerenden Erdbeben von 1953 wiederaufgebaut wurde. Verschwunden allerdings sind fast überall die Spuren seiner glanzvollsten jüngeren Vergangenheit, als die Republik Venedig über Inseln und Häfen entlang der östliche Adriaküste regierte.

Argostolion, die Hauptstadt der Insel, schmiegt sich langgestreckt an einer seichten und von den Engländern überbrückten Seitenbucht des Golfs von Livadi bis hinaus an die Spitze der Halbinsel Lassi, an der wohl der eigenartigste Leuchtturm der Welt steht - in Form eines antiken Rundtempels. An dessen Wänden hat sich ein Sympathisant der kommunistischen Partei mit einem roten Stern in Erinnerung gebracht, aber auch Lucy und ihr Freund Antonis haben ihrer Liebe mit Hilfe einer Sprühdose Ausdruck verliehen. Unweit hiervon liegen die berühmten Seemühlen, die über einen Kanal mit Meerwasser gespeist wurden, das danach in großen Löchern im Boden verschwand. Lange galt als naturwissenschaftliches Rätsel, wohin es floß, bis schließlich Wissenschaftler durch Einfärbung des Wassers bewiesen, daß es unter der Insel durch Höhlen (an denen es Kephallinia nicht mangelt) dahinfließt und schließlich bei Sami an der Ostküste wieder auftaucht. Ein "Wunder" verlor damit seinen Glanz.

Man könnte Argostolion fast kosmopolitisch nennen. Den Eindruck vermitteln die ungewöhnlich vielen und mächtigen öffentlichen Gebäude rund um die zentrale Plateia Vallanou: Museen, eine prächtige Bibliothek, ein Theater, Banken, Stadt- und Landkreisverwaltung - es sind fast mussolinische Protzbauten, die nach dem Erdbeben wiedererrichtet wurden. Von den venezianischen Glockentürmen der zahlreichen Kirchen, die früher das Stadtbild prägten, ist jedoch so gut wie nichts übriggeblieben.

Die Geschichte der Insel reicht aber viel weiter zurück. Knochenfunde und Werkzeuge beweisen, daß sie schon in der Steinzeit besiedelt war. Besonders reiche Ausgrabungen belegen ihre Bedeutung in der Mykenischen Epoche, und obgleich der Name Kephallinia in Homers epischen Erzählungen nicht vorkommt, gilt es als sicher, daß sie, damals Same genannt, die bedeutendste unter den vier Inseln war, über die Odysseus von Ithaka aus herrschte. Thukydides spricht von der Zeit, als die Insel eine Tetrapolis war, aufgeteilt unter den Städten Pali, Krani, Sami und Pronnoi, die unabhängig voneinander Allianzen schlossen und Kriege führten, ihre eigenen Münzen prägten und ihre eigenen religiösen Riten hatten. Die bedeutendsten Ausgrabungsstätten jener nachmykenischen Ära liegen in Krani, nur wenige Kilometer außerhalb Argostolions. Auch wenn auf der lokalen Karte eine Asphaltspur dorthin eingezeichnet ist, sind sie nur schwer zu finden.

Diese Stadtstaaten konnten sich halten, bis sie 188 vor Christus den römischen Eroberern in die Hände fielen. Wenig ist bekannt über die folgende byzantinische Periode. Erst von den Normannenfürsten weiß man wieder mehr, die im zwölften Jahrhundert mit ihren griechischen Festlands- und Inselbesitzungen einen wahren Kuhhandel trieben, sie untereinander austauschten oder ihren Töchtern als Mitgift gaben.

Einer der reizvollsten Orte auf Kephallinia verdankt seinen Namen dieser Zeit: das Fischerdörfchen Phiskardon im Nordosten. Hier eroberte Graf Robert Guiscard von Sizilien ein byzantinisches Fort, hier erlag er einem Fieber. Aus Giscard wurde schließlich Phiscardo. Die hübsch wiederhergerichteten Häuser am winzigen Hafen haben allerdings nichts Normannisches, sondern wirken sehr mediterran.

In den nächsten Jahrhunderten drehte sich das Karussell der Herrscher. Wer immer Steuereinnahmen brauchte, heimste die Insel ein, darunter die Könige von Neapel und der Papst in Rom. Venezianer gewannen schließlich die Oberhand. Sie regierten von 1500 bis 1797, aber keineswegs ungestört. In blutigen Kämpfen mußten sie ihren Besitz gegen die Osmanen verteidigen, die jedoch hier, im Gegensatz zum Festland, immer nur kurz Fuß fassen konnten.

Mit dem Niedergang der venezianischen Macht und dem langsam einsetzenden Zerfall des Osmanischen Reiches wurde der Ruf nach Unabhängigkeit überall dort laut, wo Griechen lebten. Bis es endlich soweit war, wachten russisch-französische und englische Allianzen darüber, daß keine Fraktion zu stark wurde, und sie mischten bei der Landverteilung munter mit. Engländer waren schließlich auch die letzten Fremden, unter deren Verwaltung die Insel stand, bis 1864 die ganze Sieben-Insel-Gruppe, im Tausch gegen britische Präsenz auf Zypern, dem jungen griechischen Staat zuerkannt wurde.

Ganz anders als die fruchtbare Ebene, die sich vom Berg Aenos nach Südosten erstreckt und die sich ihren ländlichen Charakter bewahrt hat, ist der Küstenstreifen im Süden - von Skala an der äußersten Spitze im Osten bis zur Halbinsel Lassi, die Argostolion vom großen Golf trennt - heute vom Tourismus okkupiert, wenn er auch noch nicht so bedrängend ist wie auf den Inselschwestern Zakynthos und Korfu. Hier stößt man inmitten der kleinen, zu Sommerfrischen erblühten Dörfern auf ein Kuriosum besonderer Art: Kourkoumelata. Schon bei der Einfahrt in den Ort fällt das Kulturzentrum auf, ein "klassischer" griechischer Tempel, der nicht recht zu dem dicht daneben liegenden Sportplatz passen will. Ein paar Schritte weiter steht eine übermannshohe Ikonostasis, gegenüber eine Villa im Stil Palladios mit Pergola und klassischen Statuen an der halbrunden Auffahrt. Ein Paar Schritte weiter ragt eine gigantische Kirche auf, die der ganzen Inselbevölkerung Platz bieten könnte. Und über

all rieselt es aus Rasensprengern und aus Schläuchen auf grüne Rasenflächen - "amerikanischer Rasen", wie ein alter Mann, der gerade beim Gießen ist, versichert. Den fast fremd anmutenden Glanz verdankt das Dorf der Familie Vergiotis, die es im Reedereigeschäft in London zu großem Reichtum brachte und die nach dem Erdbeben von 1953 das gesamte Dorf wieder aufbauen ließ.

Anders als an den Stränden des Südens ist es auf der Halbinsel Paliki mit ihrer Dünenlandschaft eher still. Über den großen Bodenwellen liegt ein zartblauer Schimmer von den Blüten Tausender kleiner Disteln, die in dem sandigen Boden noch Nahrung finden. Ausgangspunkt für die Erkundung dieser Gegend ist Lixurion, die zweite "Großstadt" der Insel, von Argostolion durch den großen Golf getrennt. Die Fähre, die jede Stunde verkehrt, erspart den Pendlern, die in Lixurion leben und in Argostolion arbeiten, einen Umweg von vierzig Kilometern.

Ganz im Westen der Halbinsel liegt das Kloster Kipuraeon. Die Straße dorthin ist schlecht. Nur ein paar hundert Meter, bevor man das auf einer Felsnase über dem Wasser hängende Kloster erreicht, ist sie aus unerfindlichen Gründen plötzlich asphaltiert. Hier wird eifrig gebaut, obwohl nur noch ein paar Mönche die Stellung halten. Neu geschaffen werden Räume, deren Blick hinunter auf die Ionische See jedem Nobelhotel gut anstehen würde. Doch sie werden nicht an Touristen vermietet, sondern dienen Pilgern als Unterkunft. Griechen, und vor allem Griechinnen, pilgern viel. Für sie sind Ausflüge zu Klöstern, besonders an den Namenstagen der Schutzheiligen, oft eine gute Ausrede, dem Alltag zu entfliehen und dabei zugleich ein bißchen religiösen Eifer zu zeigen.

Je weiter man an der Westküste entlang nach Norden vordringt, desto steiler stürzen die Felsen ins Meer. Hier und da findet man herrliche Strände - Halbmonde feinster schneeweißer Kiesel vor der türkisfarbenen glasklaren See, die über jäh nach unten fallende Wege zu ereichen sind. Hier liegt auch Assos, ein Kleinod, das seine Existenz schon lange vorher ankündigt, ehe die Abzweigung von der Küstenstraße in schier endlosen Kehren zu dem Ort hinunterführt, denn die Ruine einer von den Venezianern erbauten Burg ragt auf einer schmalen Landzunge weit ins Meer hinaus.

Im Norden ist die Landschaft karger. Agaven und die schwarzen Finger der Zypressen ragen hier aus den graubraunen Felsen, und nur der Oleander streut hellrosa und violette Farbtupfer in die Macchka. Erst an der Ostküste macht sich wieder eine fruchtbare Ebene breit, dort, wo die größten zugänglichen Höhlen der Insel liegen. Bei Aghia Efthimia, dem nur wenige Kilometer nördlich von Sami gelegenen Hafen, beginnt auch wieder das Strandleben, mit vielen Tavernen und Läden. Man spürt, daß hier eine andere Zeit begonnen hat und ihre Spuren hinterläßt wie zum Beispiel in der Töpferei am Rande von Sami: Ein kleines Mädchen verkauft draußen im Freien und schreit lauthals den Preis dem nicht viel älteren Bruder zu, der im Haus den Computer bedient und mit einer großen, vom Drucker ausgespuckten Quittung kommt. Für das Wechselgeld allerdings öffnet sie einen neben den Töpfen stehenden großen ausrangierten Eisschrank, in dem, ganz ungriechisch, fein säuberlich in kleinen Schachteln sortiert die Münzen und Scheine liegen.

 


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