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Nur ein grüner Klecks im WasserDie Insel Poros: Ausflugsziel der Athener |
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Ein einziges Foto hatte über Jahrzehnte die Erinnerung an Poros wachgehalten: eine klassizistische Hausfassade, vom anlegenden Schiff aus aufgenommen, mit großen Fenstern, die die Höhe der Zimmer dahinter erahnen ließen, von zurückgeschlagenen staubigen Tüllgardinen gerahmt, und vor dem dunklen Hintergrund des Raumes zwei ältere Damen, die dem geschäftigen Treiben am Hafen aus sicherer Warte zusahen. Jetzt, dreißig Jahre später, stand das Haus noch genauso am Hafen, die Fassade ein wenig abgebröckelter und verwittert. Nur die beiden Frauen fehlten im Fensterrahmen, sicherlich auch verwelkter nach so langer Zeit. Von den Inseln im Saronischen Golf hat Poros den geringsten Glanz. Ydra hat seine Künstlerkolonie und seine historischen Kapitänsvillen, Spetsae hat die glorreiche Vergangenheit und seine Heldin Bouboulina, die unerschrocken das Kommando über das Schiff ihres im Kampf gegen die Türken gefallenen Mannes übernahm, Poros nimmt sich dagegen wie ein armer Vetter aus. Mag sein, daß gerade dies die Insel davor bewahrt hat, zum Tummelplatz rastloser lauter Touristen zu werden. Eher schon ist es ein Refugium für Athener, denn eine Stunde im Tragflügelboot genügt, hierherzukommen. Und wenn Wind und Wetter nicht mitmachen, kann man die Insel fast mit dem Wagen erreichen: Die Straße führt bis Galatas am südlichen Ausläufer der Argolis, und von da ist es ein Fünf-Minuten-Katzensprung mit den ständig hin- und herpendelnden Fähren auf die Insel. Nur 375 Meter Wasseroberfläche trennen Poros vom Festland, ein grüner Klecks im Wasser mit einem winzigen Sporn, der die ohnehin schmale Meerenge noch mehr verengt. Ursprünglich bestand Poros aus zwei getrennten, in ihrer Oberfläche sehr ungleichen Inseln: der großen grünen Kalavria und ebendem Anhängsel, einem später aufgetauchten vulkanischen Felsen, der Sphaeria hieß. Über die dazwischen angeschwemmte Erde führt eine Brücke, über die fast jeder in Poros ein paarmal am Tag fährt oder geht, ganz gleich, wohin ihn sein Weg führt. Viereinhalbtausend Einwohner zählt Poros, die Wochenendler und Touristen nicht mitgezählt, und sie wohnen zu neunzig Prozent auf dem kleinen Sphaeria. Die Griechen sind ja das Gegenteil von Einsiedlern. Nichts wird getan ohne "paraia", die Gesellschaft, immer müssen sie Freunde um sich haben, und so drängen sich die Häuser dicht an dicht auf dem winzigen Vulkanfelsen. Ihre roten Ziegeldächer liegen wie Schuppen übereinander, Gäßchen und Treppen winden ihre schattigen Schluchten hinaus zum alles überragenden Glockenturm. Poros bedeutet Passage, Durchlaß. So hieß die Insel nicht immer. In der Antike gab sie der Kalavrischen Liga den Namen, einem Staatenbund seefahrender Mächte im 7. Jahrhundert vor Christus, dem Athen, Aegina, Epidauros, Troizen, Nauplia, Ermioni, Orchomenos und Pasiai angehörten. An diese große Zeit allerdings gibt es nur bescheidene Erinnerungen wie das Heiligtum des Poseidon in der Mitte der Insel. Poseidon war der Beschützer der Liga. In diesem Tempel, so berichtet Plutarch, suchte Demosthenes Zuflucht, als ihm die Makedonier auf den Fersen waren, weil er nach der Athener Niederlage bei Chaironea noch immer nichts Gutes über die "Emporkömmlinge" zu sagen hatte. Als die Soldaten versuchten, den großen Redner herauszuholen, bat er um Aufschub, um einen Abschiedsbrief an seine Freunde zu schreiben. "Er tat das Ende des Federkiels, mit dem er schrieb, in den Mund und biß darauf, wie es seine Gewohnheit war. Dann schlug er sich das Gewand übers Haupt und legte sich nieder." Das Gift im Federkiel tat seine Wirkung. Bis heute nennen die Einheimischen die Hochebene, auf der sich das Haus des Poseidon erhebt, "Palati Plateau", die Schloß-Ebene. Von ihrem Rande hat man einen überwältigenden Blick über die Insel und auf das Festland dahinter. Aber wer auf der guten asphaltierten Straße hier herauffährt und nach den Überresten des Heiligtums sucht, muß genau aufpassen. Nur ein kleines Schild markiert die umzäunte, mit Unkraut überwucherte Ausgrabung. An diesem Tag stand die Tür im Drahtzaun offen, ein Vorhängeschloß hing lose daran. Weit und breit war kein Wärter, es gibt keine Hütte, an der man den sonst fast überall geforderten Obolus entrichten könnte, und keine Besucher waren auf dem Gelände mit kniehohen Fundamenten, fast vom Gras bedeckt und durchzogen von ein paar Trampelpfaden, die sich weit verzweigen und das große Areal des Heiligtums nur mühsam erschließen. Der Wind raschelte in den Olivenbäumen, tiefdunkle Kiefern senkten ihre zapfenschweren Zweige fast bis zum Boden. In ihrem Schatten lag ein Dutzend kannelierter Bruchstücke von Säulen verstreut, markiert mit fast verblaßten Nummern. Ende des 19. Jahrhunderts gruben hier schwedische Archäologen. Man hat das Gefühl, daß seither nicht viel mehr geschehen ist. Nach der Antike spielte Poros keine bedeutende Rolle, und es ist auch wenig über die Zeit des frühen Mittelalters bekannt. Erst als die Osmanen auf dem Balkan vorrückten, ist wieder von der Insel die Rede. Albanische Flüchtlinge fanden hier, wie auch in vielen anderen Teilen Griechenlands, Zuflucht und besiedelten das Land. Kaum mehr als 2000 Hektar groß, ist Poros leicht zu erforschen. Aus der luftigen Höhe des Heiligtums fällt der Blick über die vielen kleinen Buchten, nach Vagonia und Bitsi im Norden, nach Akritsa im Westen, wo die Insel mit ihrem Leuchtturm fast das Festland vor der Methana-Halbinsel berührt. Kiefernwälder säumen die Straßen, Olivenfelder, auch Weingärten, hier und da ein paar Häuser, kaum genug, um sie als Dorf zu bezeichnen. Still ist es, und die tief eingefurchte Küste ist idealer Ankerplatz für Yachten und Boote. Nur am Abend belebt sich Poros, und das Treiben konzentriert sich ganz auf die kleine Stadt. In den engen Gassen zu Füßen des Glockenturms, rund um die offenen Plätze, die an der Uferstraße liegen, findet sich Platz für ein paar Tische und Plastiksessel in schrillen Farben - lila, rot, giftgrün und gelb. Sie haben fast überall die traditionellen wackligen Holzstühle mit dem schmalen und recht unbequemen geflochtenen Sitz verdrängt. Trübe Lampen erhellen diese improvisierten Cafés und Tavernen nur mäßig, in die Kellner lautstark Gäste zu locken versuchen, wenn sie nicht gerade, die Tabletts hoch in der Luft, zwischen Küche im Haus und den Tischen am Wasser hin und her eilen. Familien, Kinder und Babys im Schlepptau, flanieren gemächlich beim abendlichen "peripato" die Uferstraße entlang, Autos haben fast keine Chance und müssen sich im Schritttempo durch die Menge drängen. Kaum weniger regsam ist das Leben auf dem Wasser. Die letzten Segelboote tuckern in den Hafen, Fähren pendeln hin und her zwischen der Insel und dem gegenüberliegenden Galatas, über dem sich der große Bergrücken erhebt, den man "Die schlafende Frau" nennt. Kleine Schnellboote bringen Gäste aus den neuen Hotels in Neorion am westlichen Ufer von Kalavria mitten hinein in das abendliche Gewühl und gutmütige Gedränge. Am Morgen versammeln sich kleine Gruppen Badelustiger vor den Booten, die sie an entfernte Strände bringen sollen. Auf der am Abend so lebhaften Uferpromenade ist es jetzt ruhig. Nur Lieferanten sind unterwegs. Aber das Museum am Alexander-Korizi-Platz, in einem klassizistischen Haus untergebracht, ist schon offen. Schöne Stelen sind hier ziemlich wahllos in dem einzigen Raum nebeneinandergestellt. Nur ein paar Kilometer, einen guten Fußmarsch entfernt, liegt am Südrand von Kalavria das Kloster der Panaghia Zoodohos Pigi, der "Jungfrau der Leben spendenden Quelle" geweiht. Das breite Blätterdach der alten Platanen beschattet die steile Treppe zum Eingang. Im Klosterhof ist es kühl und leer, die letzten Mönche sind schon lange ausgezogen. Nur die Mesnerin sitzt, müßig mangels Besuchern, auf der Steinbank am Vorbau der Kirche. Das Kloster ist, nach dem Poseidon-Heiligtum, die zweite "Attraktion", auf die in den Broschüren über die kleine Insel verwiesen wird. Sehenswert ist in der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Klosterkirche die fast acht Meter hohe Ikonostasis. Auf dem Klosterfriedhof liegen Admiräle und Kapitäne begraben, deren Namen im Befreiungskrieg von 1821 Ruhm erwarben. Poros war, wie die anderen Inseln im Saronischen Golf, ein wichtiger Ankerplatz für die griechische Flotte. Was der Insel an Sehenswürdigkeiten mangeln mag, macht das umliegende Festland um so mehr wett. Auf der Fahrt von Athen nach Galatas liegen zahlreiche klassische Stätten eingebettet in schier endlosen Zitronen- und Orangenhainen. Zwanzigtausend Zitronenbäume blühen im "Lemonodassos" am südlichen Rande von Galatas dreimal im Jahr. Wer das Glück hat, zur Blütezeit dort zu sein, wird fast betrunken von dem schweren Duft, der in der Luft liegt. Kurz ehe man den "Hals", ein sumpfiges Gebiet, das die hohe Methana-Halbinsel von Galatas trennt, passiert, steht auf einem leicht übersehbaren Blechschild "Trizina". Dies ist das antike Troizen, Schauplatz der Tragödie um Phaedra und Hippolytos. Die Ausgrabungsstätte liegt dicht bei dem modernen Dorf, von dem ein Weg, glitschig und eng trotz der sommerlichen Dürre rundum, zu der tiefen, schattigen und immer kühlen "Teufelsschlucht" führt. In der griechischen Mythologie war Troizen der Geburtsort von Theseus, der den kretischen Minotaurus erschlug und dank des Fadens, den ihm die in ihn verliebte Ariadne gegeben hatte, wieder aus dem Labyrinth des König Minos herausfand. Noch heute ist der große Felsbrocken an einer Weggabelung zu sehen, unter dem Theseus' Vater der Überlieferung nach sein Schwert und seine Sandalen versteckt hatte mit dem Hinweis, sein Sohn möge sie holen, wenn er stark genug sei, ihn wegzurollen. Schon Pausanias fand hier nur Ruinen. Heute sind von dem Asklepion, das um 300 vor Christus auf den Trümmern des alten Heiligtums errichtet wurde, nur noch die niedrigen Fundamente der Liegehallen zu erkennen. Leere Geschoßhülsen, Rückstände der bei den Dorfbewohnern so beliebten Vogel- und Hasenjagd, glitzern im kniehohen, sonnengebleichten Gras und zwischen den überall wuchernden Disteln. Lautes Grillengezirpe liegt in der Luft. Der Sommerflieder ist durch die Trockenheit und den Staub verblaßt. Um so leuchtender sind dagegen die Farben ringsum. Das Gebiet am südlichen Rand der Argolis ist berühmt für die Blumen, die hier Feld an Feld angebaut werden. Die Nelken sind zwar schon verblüht, aber noch glitzern Gladiolenähren im Gegenlicht wie Rubine und Brillanten. |
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