Indien

      Ein Land voller Gegensätze

Reisebericht

 

 

   

 

Indien, das weckt bei vielen Assoziationen mit traumhaften Märchenpalästen und reich geschmückten Tempeln. Aber das Land ist weit mehr als das, was wir aus dem Hochglanzprospekt kennen. Es sind nicht nur die prunkvollen Paläste der Maharajas und die prächtigen Tempel und Moscheen, es sind auch die sehr kontaktfreudigen und lebensfrohen Menschen, die dieses Land prägen.

Um insbesondere die Menschen in Indien kennen zu lernen, reiste Andreas Scherer mit einer deutsch-französischen Reisegruppe nach Indien. Die Eindrücke der Reise beschreibt er in seinem Buch "Ein Land voller Gegensätze" und ergänzt sie durch eingestreute Hintergrundinformationen zu den besuchten Orten, Sehenswürdigkeiten und Projekten.

Der folgende Text ist ein Auszug aus diesem Buch.

 

Narve ist ein kleines beschauliches Dorf mit vielen Tempeln und zwei Quellen, Vhoddli Zhor und Dhakti Zhor. Beide liegen im Wald und werden von den Menschen zum Erholen genutzt. Der wichtigste Tempel ist der Shri Sapta Koteshwar Temple, ohne den sich wahrscheinlich kaum jemand in das Dorf verirren würde. Der Shiva geweihte Tempel ist das einzige Relikt aus der Zeit der Kadambas, die von 1020-1310 herrschten, sein jetziges Äußeres erhielt er allerdings von dem bedeutenden Marathenführer Shivaji, der ihn 1668 umgestaltete. Er ist der älteste erhaltene Tempel in Goa, für seinen Namen gibt es mehrere Erklärungen: der Lingam soll aus sieben Metallen hergestellt worden sein, eine weitere besagt, daß Shiva mit seiner Armee aus 70.000.000 (sieben Kror) mehrere Dämonen, u.a. Mala, besiegt habe, die letzte sagt, Shiva 70.000.000 (sieben Kror) Mantras gebetet. Shiva ist einer der drei Hauptgötter im Hinduismus (neben Brahma und Vishnu) und sehr facettenreich, mal wird er als Zerstörer dargestellt mal als Erhalter oder Helfer im Kampf gegen Dämonen. Der Lingam hat eine lange, turbulente Geschichte. Er wurde ursprünglich von den Kadambas gestiftet und wurde auf Divar Island in einem Tempel aufbewahrt. Nach dem die Portugiesen diesen 1560 zerstörten und an seiner Stelle eine Kapelle errichteten, wurde er von ihnen als Brunnenschacht verwendet, ehe ihn die Hindus zurückholten. Seitdem befindet er sich im Shri Sapta Koteshwar Temple.

Indien ReiseberichtWir wurden bei unserer Ankunft von den Einwohnern neugierig beobachtet, für sie waren wir die Attraktion, es kommt selten vor, daß sich Europäer hier her verirren. Die gesamte Tempelanlage besteht aus drei Tempeln, einem Haupttempel und zwei kleineren Nebentempeln und einem deepastamba. Dies ist ein kleiner Turm vor dem Haupttempel, den es nur bei Tempeln in Goa gibt. Jeder Tempel ist in einer anderen Farbe angestrichen, alles kräftige leuchtende Farbtöne. Auch einige nahestehende Häuser sind mit kräftigen Farben gestrichen. Das Äußere des Haupttempels erinnerte von vorne an eine klassizistische Kirche. Seine Stupa ist nicht so hoch und wurde mit Stil der Moguln errichtet. Neben dem Haupttempel steht auch ein Gebetswagen, wie man ihn von den großen Tempelanlagen im Süden kennt. In der Nähe des Tempels befinden sich die Ruinen eines Jaintempels, die Kadambas waren Jains, bevor sie zum Hinduismus, insbesondere zur Verehrung Shivas, übertraten.

Bevor wir den Tempel betreten durften, mußten wir uns noch die Schuhe ausziehen. Schuhe sind für die Hindus unrein, da sie mit der Erde in Kontakt kommen. Sie würden daher den geweihten Raum verunreinigen. Im Inneren des Tempels fielen uns zunächst mehrere Glocken im Eingangsbereich auf. Betritt ein Gläubiger den Tempel läutet er eine Glocke, damit die Gottheit weiß, daß jemand zu ihr sprechen will. Im Tempel hängen zahlreiche Bilder mit verschiedenen Göttern an den Wänden, außer Shiva u.a. mit Darstellungen von Parvati, der Frau Shivas sowie Ganeshs und Skandas, der Kinder Shivas. Ähnlich wie die Kirchen in Old Goa war der Tempel angenehm kühl. Vor dem Allerheiligsten war eine Schale, wo die Gläubigen ihr Opfer darbringen können. Der Priester zeigte uns noch das mit Marmor verkleidete Allerheiligste mit einer Figur Shivas und Opfergaben. Anschließend schauten wir uns die beiden kleineren Nebentempel an, die auf einer Anhöhe waren. Der Mittlere war ähnlich wie der Große eingerichtet, im kleinsten befand sich nur ein Lingam, ein typisches Symbol für Shiva.

Da nun schon mal Europäer da waren, wollten uns die Einwohner ihr Dorf zeigen, denn die Inder sind stolz auf ihr Land, das sie allen Ausländern zeigen wollen. Zunächst stiegen wir zu einem kleinen See in der Nähe des Tempels herab, dem Panchaganga Tirtha. Er ist rechteckig und wurde künstlich angelegt, die Frauen verwenden ihn zum Waschen der Kleider, die Gläubigen für ihre rituellen Waschungen. Danach gingen wir vorbei an tropischen Gärten mit Bewässerungsgräben und Häusern zu einer Bewässerungsanlage, mit der eine Plantage mit Arecanuß- und Kokospalmen bewässert wurde. Diese Bewässerungsanalage wird von einer der beiden Quellen gespeist und besteht aus kleinen Kanälen sowie Kullems, klein hölzerne, hohle, schifförmige Objekte. Neben Areca- und Kokosnüssen bauen die Bewohner von Narve überwiegend Reis an. Eine weiteres wichtiges Erzeugnis sind Urrack und Feni, Getränke die aus Cahsewnüssen destilliert werden.

Auf unserem Rundgang folgten uns die Kinder, neugierig, was die Europäer in ihrem Dorf machen. Neben der Plantage befand sich ein richtiger subtropischer Urwald, wir kamen uns vor wie im Paradies. Die Bewohner erzählten uns allerlei Wissenswertes zu den Früchten, wie sie heißen, wozu sie gut sind oder wie man sie ißt. Die Häuser im Dorf sind alle aus Stein, die meisten sind nur zu Fuß zu erreichen. Viele Wege sind auch nicht befestigt. Der Gesamteindruck war sehr sauber, es lag wenig Müll herum. Bevor wir in den Bus stiegen, zeigte uns ein reicherer Bürger noch den Privattempel seiner Familie, der etwas schlichter eingerichtet ist wie der Shri Sapta Koteshwar Temple. Er hat eine überdachte Vorhalle, in der sich die Menschen treffen, Tempel sind für die Hindus ebenso wie die Moscheen für die Muslime nicht nur ein Gotteshaus, sondern auch ein Versammlungsraum und Treffpunkt. Der Besuch von Narve war für uns bis jetzt der Höhepunkt der Reise, hier hatten wir zum ersten Mal das typisch indische Leben auf dem Land kennengelernt, fernab der großen Touristenströme, wo der westliche Einfluß noch keinen Einzug gehalten hat. Eigentlich schade, daß die meisten Touristen nach Goa nur zum Baden kommen, vielleicht noch Old Goa oder Panaji besichtigen, es ist ein sehr schönes Land abseits der großen Touristenzentren.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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