Der L"trabjarg

Ein Reisebericht aus Island

  

  

 

  

 

Abseits aller isländischen Attraktionen, am westlichsten Punkt Europas, liegt der L"trabjarg. Weit entfernt von den Gletschern, Vulkanen und Geysiren ragt ein fast 14 Kilometer langer und über 400 Meter hoher Felsen nahezu senkrecht aus dem Meer. Tausende von Vögeln nutzen diesen Ort, um im kurzen arktischen Sommer ihre Jungen aufzuziehen. Nicht einmal 300 Kilometer trennen den L"trabjarg von der Ostküste Grönlands, und dieses ist deutlich zu spüren. Das Meer ist meist aufgewühlt, eine hohe Dünung zerschlägt an den Felsen. Das Kreischen der Vögel verschmilzt mit dem Tosen des Meeres zu einem ohrenbetäubenden Konzert. Vielen Schiffen wurden diese Felsen zum Verhängnis. Eine 1947 durchgeführte Rettungsaktion ließ diesen Berg in der ganzen Welt bekannt werden.

Der L"trabjarg gehört zu den größten Vogelfelsen unserer Erde. Was anfangs wie ein chaotisches Durcheinander wirkt, ist bei genauem Hinsehen eine gut organisierte Lebensgemeinschaft. Vor über 12 Millionen Jahren entstand dieser Berg durch viele Vulkanausbrüche. Seit dieser Zeit nagt die Erosion ständig an den Felsen.

Die verschiedenen Vogelarten finden hier die besten Voraussetzungen. Die steilen Felswände bieten Schutz vor Feinden, aber auch vor schlechtem Wetter. Das Nahrungsangebot wird durch das Aufeinandertreffen verschieden warmer Meeresströmungen und der damit verbundenen Umwälzung der Wassermassen begünstigt. Die im Juni bis zu 22 Stunden täglich scheinende Sonne fördert nahezu explosionsartig das Wachstum von pflanzlichem Plankton. In ähnlichem Tempo wächst das tierische Plankton, von dem sich Fische und Krebse ernähren. Damit ist die Lebensgrundlage von Millionen Seevögeln gesichert. Jede der ansässigen Vogelarten nutzt eine eigene Nische im Nahrungsangebot und in der Wahl der Brutplätze.

Der obere Bereich eines Vogelfelsens wird vom Papageitaucher, von der Mantelmöwe und dem Eissturmvogel bewohnt. Der lustig aussehende Papageitaucher in seinem schwarzen "Frack", mit seinem bunten Schnabel und den roten Füßen gräbt eine bis zu zwei Meter tiefe Bruthöhle in die Grasnarbe, um darin seine Jungen aufzuziehen. Diese tiefen Höhlen bieten Schutz vor Füchsen und Raubvögeln.

Der mittlere Bereich wird von Tordalk und Trottellumme bewohnt. Beide sind weniger gute Flieger und bevorzugen leicht zugängliche Plätze. Am Fuße eines Vogelfelsen sind die Dreizehenmöwe und der Gryllteist anzutreffen. Die Möwe baut ihr Nest hauptsächlich aus Seetang. Der Teist mit seinen auffallend roten Füßen fischt bevorzugt in Ufernähe.

Wir haben uns vorgenommen, den westlichsten Punkt Europas mit dem Kajak zu umrunden, um so den L"trabjarg vom Wasser aus zu erleben. Mit viel Sorgfalt haben wir diese Kajaktour vorbereitet. In Patreksfjör"ur ergänzen wir unsere Vorräte. Spät am Abend erreichen wir L"trav"k in der Nähe des L"trabjargs, wo wir unser Zelt aufschlagen. Wir können es kaum erwarten, zu den Vogelfelsen zu gelangen. Hier werden wir von den lustigen Papageitauchern begrüßt. Über dem Meer erhebt sich im Schein der Abendsonne der schneebedeckte Gipfel des fast 100 Kilometer entfernten Sn"fellsjökull.

Die Brandung schlägt explosionsartig gegen die Felsen. Unter diesen Bedingungen können wir nicht starten. Tag um Tag warten wir und erkunden die Umgebung. Wir wandern entlang der Vogelfelsen, liegen an der Felskante und fotografieren die hier besonders zutraulichen Vögel.

Viel Zeit verbringen wir bei Egill "lafsson in seinem Museum. Es ist ein kleines, interessantes Museum, welches das Land und die Bewohner dieser Region darstellt. Bisher waren unsere Bemühungen erfolglos, einen Augenzeugen der Schiffskatastrophen am L"trabjarg zu finden, doch Egill war nicht nur Augenzeuge, er hatte selbst an diesen Rettungsaktionen teilgenommen. Von ihm erfahren wir interessante Details über die Schiffsunglücke.

Zahlreiche Schiffe sind in den letzten Jahrhunderten am L"trabjarg zerschellt, oft ohne daß jemals ein Mensch vom Schicksal dieser Schiffe erfuhr. Die Brandung schlägt gewaltig gegen die steilen Felsen. So war diese Region sehr gefürchtet. Das wohl am besten dokumentierte Schiffsunglück ereignete sich am 11. Dezember 1947. Der britische Trawler "Dhoon" aus Fleetwood umrundete bei Schnee- und Graupelschauern das Kap und strandete im Sturm. Der Kapitän, der Steuermann sowie ein Matrose wurden gleich beim Aufschlag von der Brücke gerissen. Meterhohe Wellen schlugen von achtern über den Trawler. Die restlichen 13 Besatzungsmitglieder banden sich am Vorderschiff fest. Die Hoffnung auf Rettung wurde von Stunde zu Stunde immer geringer.

Erst am Samstagmorgen, fast 36 Stunden nach dem Unglück, sichtete die Besatzung ein Licht an der ein paar hundert Meter hohen Felswand. Es waren die Bauern von L"trum, die auf Grund des Notrufes eine Rettungsaktion starteten. Kurz nach der Strandung waren sie aufgebrochen. Das unwegsame Gelände erschwerte die Bergungsarbeiten. Die Ausrüstung und das zur Rettung benötigte Material mußten mit Pferden über weite Strecken transportiert werden.

Die ersten Retter seilten sich die obere Hälfte der Felswand ab, um auf einem Felsvorsprung ein Lager zu errichten. Von den 12 Männern ließen sich vier bis auf Meereshöhe herab. Mit einem Leinenschußgerät wurde ein Seil zur 70 Meter entfernten "Dhoon" hinüber geschossen. In einem Rettungssitz konnten die Besatzungsmitglieder vom Schiff geborgen werden. Kälte und Ungewißheit hatten allen schwer zugesetzt. Sie waren völlig entkräftet, aber niemand war ernstlich verletzt. Es lag noch ein weiter Weg vor ihnen, das Wetter war noch immer schlecht. Gegen Abend befanden sich erst sieben Besatzungsmitglieder in dem Lager auf dem Felsvorsprung. Die restlichen Personen verbrachten die Nacht am Fuße der Klippen, nur wenige Meter vom Wasser entfernt. Erst am nächsten Vormittag waren alle oben auf den Felsen in Sicherheit und konnten sich in Zelten erholen. Die Bauern der Umgebung hatten Verpflegung und Kleider gebracht.

Die Helfer, die unter Einsatz ihres Lebens diese Menschen retteten, wurden für diese hervorragende Leistung von der isländischen und der britischen Regierung ausgezeichnet. Der Isländer ""r"ur J"nsson hatte daraufhin die Idee, diese Rettung zu verfilmen. Während der Dreharbeiten im folgenden Jahr kam ein erneuter Notruf von einem britischen Trawler. Die "Sargon" strandete im Patreksfjör"ur bei Hafnarm"li. So konnte in einigen Teilen des Films die echte Rettungsaktion dargestellt werden. Wieder war das Wetter äußerst schlecht, und man mußte sich an einem gewaltigen Hang abseilen. Auch der Rettungskorb kam wieder zum Einsatz. Viele der Helfer vom Vorjahr waren wieder dabei. Im Gegensatz zum Film gab es diesmal Opfer bei den Rettern und den Schiffbrüchigen.

Aufgrund dieser Ereignisse wurde das isländische Rettungssystem aufgebaut, welches heute über viele Schutzhütten sowie Bergungsmaterial rund um die Insel verfügt.

Mit Hilfe der Informationen von Egill war es uns möglich, den Kessel der "Sargon" zu finden, der als einziges übriggeblieben ist. Bei Niedrigwasser ragen einige Zentimeter aus dem Meer. Nur etwa 50 Meter entfernt steigen die Felsen nahezu senkrecht auf.

Zwei alte Isländer aus Patreksfjör"ur haben unsere Kajaks entdeckt und uns daraufhin aufgesucht. Schon vor über 60 Jahren hatten sie mit selbstgebauten Kajaks den L"trabjarg umrundet. Erlingur und "lafur laden uns zu Kaffee und Kuchen ein. Beide sind in dieser Region aufgewachsen und zur See gefahren. Sie geben uns viele nützliche Ratschläge. Stolz zeigen sie uns ihre alten, aus Holz gebauten Kajaks, welche demnächst in Egills Museum zu sehen sein werden.

Nach einigen Tagen erscheint das Wetter für unsere Umrundung des Kaps geeignet zu sein, doch unseren Versuch müssen wir nach ein paar hundert Metern abbrechen. Vor dem Start sah alles ruhig aus, aber jetzt bauen sich vor uns kurze, steile Wellen auf. Die Schaumkronen werden immer größer. Die Strömung ist stärker als erwartet. Ein Risiko können wir nicht eingehen - wir kehren um.

Einige Tage später beladen wir unser Kajak erneut. Wir paddeln durch die Brandung und werden von der Dünung nur noch sanft auf- und abbewegt. Auf den vorgelagerten Klippen sonnen sich Kegelrobben und beäugen uns mißtrauisch. Ein Kormoran putzt sein Gefieder. Nach der Umrundung des Kaps liegt die mehrere Kilometer lange, senkrecht aufsteigende Felswand vor uns. Von hier unten wirkt sie gewaltig hoch, die Menschen oben auf der Kante sind zu kleinen Punkten geworden.

Auch unter optimalen Voraussetzungen hat diese Wand für uns etwas Bedrohliches. Nirgends können wir anlanden. Es ist beeindruckend, wie Tausende von Seevögeln über uns hinweg fliegen und sich nur wenige Meter von uns entfernt ins Meer stürzen. Trottellummen, Papageitaucher und Tordalken tauchen blitzschnell unter unserem Kajak hindurch. Wie helle und glitzernde Streifen schießen sie in dem glasklaren Wasser dahin. Sie verfolgen Fische, von denen es hier große Mengen gibt. Haben sie genug gejagt, fliegen sie zurück - und verschwinden in der Masse. Aus dieser Perspektive bekommen wir die unteren Bewohner des Felsens zu Gesicht.

In den unteren Bereich der Felswand haben sich im Laufe der Jahrtausende viele Höhlen eingewaschen. Es ist deutlich zu sehen, wie die Erosion wirkt.

Pünktlich am frühen Nachmittag erreicht uns der kalte Ostwind, und wir paddeln zurück zu unserem Zelt.

(Auszug aus dem Buch Island - Zwischen Traum und Wirklichkeit von Peter Fabel und Mareike Bollhorn)

 

 


  Übersicht Reiseberichte 


Copyright " 2001 andere-lander.de