Puerto Rico

      Reisebericht

 

 

   

Urwaldwanderung auf Puerto Rico

Ein Wochenende liegt vor uns. Die Kühlung läuft gut und der Erste Offizier fragt mich, ob wir am Wochenende eine Inselwanderung machen wollen. "Im Ernst, und wo übernachten?" frage  ich überrascht. "Na draußen, dazu wird es wohl nicht zu kalt sein", gibt er zur Antwort. Ich bin sofort dabei. Samstag, gegen Mittag brechen wir mit dem Segen des Kapitäns auf. In einem Bündel haben wir Badezeug und eine Decke. Die Maschinisten, auch Helmut, stehen in schwarzverschmiertem Zeug an der Gangway und öden uns mit dummen Sprüchen an. "Laß ihnen den Spaß", meint von Barsewisch, "die dürfen über das Wochenende Kolben ziehen."  Von Barsewisch hat sich eine Karte der Insel besorgt und grob  unsere Tour geplant. Dummerweise stehen an den Straßen kaum Richtungsschilder, wir müssen uns mit Fragen weiterhelfen. Bis zum nächsten Ort, mit dem schönen Namen "Rosario", fahren wir mit Sammeltaxen, den "Kollectivos". Hier fallen wir natürlich auf, alle wollen wissen wo wir herkommen und wo wir hinfahren und warum. Vor Allem das Warum ist den Leuten wichtig und der Grund, daß wir das Land sehen wollen, bringt Männer und Frauen zum Lachen.

Später laufen wir dann zu Fuß. Die Straße steigt beständig an, windet sich um Hügel und  Seitentäler, zu beiden Seiten ist dichter Busch. Wir wollen in der Cordillera Central auf den Mt.Guilarte, etwa 1200 Meter hoch, in der Hoffnung da etwas freies Land zu finden und einen Schlafplatz. Es ist schon dämmrig, als wir uns in einer Senke plötzlich in einem Dorf finden. Durch den dichten Wald waren die Häuser vorher nicht zu sehen und sofort sind wir auch schon von einer Gruppe junger Leute umringt. "Hi Gringos, Cigarro por favor!" sagt einer der älteren. Von Barsewisch sagt, daß er weder Gringo sei noch Zigaretten habe. Ich lasse meine Packung PallMall rumgehen, alle, auch die Kleinsten fingern sich eine raus und rauchen zufrieden. "Woher kommt ihr?" fragt der ältere. "Alemania", sagt von Barsewisch Verständnisloser Blick. "Ah, Estados Unidos", er glaubt zu begreifen. "No, Alemania, esta en Europa". "Ah, Republica Dominika", kommt es zurück. Von Barsewisch versucht es noch einmal, "Alemania, Europa". Jetzt glaubt er  uns, "Si, claro, Estados Unidos, si son Gringos!" Was  sollen wir machen, wenn es nur die Vereinigten Staaten und die Dominikanische Republik gibt außerhalb von Puerto Rico, dann lassen wir es dabei. Nachdem wir noch verraten haben, daß wir in die Hauptstadt wollen, nach San Juan, halten sie uns für ganz verrückt und verziehen sich. Ein paarmal schauen wir uns noch um, ob sie uns nicht folgen, denn der Wald schließt sich in der Dunkelheit schnell wieder um uns, während wir weiterlaufen um Höhe zu gewinnen. Eine Anhöhe folgt der nächsten, den freien Sternenhimmel ersetzt auf der näheren Anhöhe der nächste Bergrücken. Aus dem Wald kommt der Laut von einem Frosch, der uns die Verlassenheit noch deutlicher macht. Er lebt in den Bäumen und macht einen gellenden kurzen Ton, als ob einer ständig auf eine stählerne Wanne schlägt. Spät in der Nacht sind wir auf der letzten Höhe. Es sieht nach einer Viehweide aus, den Zaun können wir erkennen und einen Weg, der von der Straße abgeht. Ein Stück gehen wir auf diesem Weg, merken daß der Boden trocken ist, legen unsere Decken aus und wickeln uns ein.

Als ich frierend wieder aufwache, ist der Himmel auf einer Seite blassrosa, darüber ein Streifen von einem schmutzigen Gelb, grünlich darüber in blau übergehend, stahlblau über mir und dahinter schwarze Nacht, mit hellen funkelnden Sternen. Ich kann über flacher werdende Hügelketten in einem Halbkreis das Meer sehen, die Gipfel im Osten bekommen nach und nach rosige Kuppen, bis die Sonne sich blutrot aus dem Dunst erhebt und alles in purpurrotes Licht taucht. Nur die Täler zu meinen Füßen wirken jetzt um so schwärzer, ich friere erbärmlich als ob die Kälte aus den dunklen Gräben aufstiege. Völlig  versunken sitze ich in meine Decke gehüllt am Wegrand, fühle von der heller werdenden Sonne schon etwas Wärme auf dem Gesicht, als ein Reiter auftaucht. Ein weißer, älterer Mann auf einem Apfelschimmel, sichtlich erstaunt auf seiner Weide um diese Zeit jemand sitzen zu sehen. Ich grüße, er grüßt zurück, will gerade etwas sagen, als sein Pferd wiehert, mit den Vorderbeinen hochgeht und zur Seite ausbricht. Das Tier hat im letzten Moment von Barsewisch entdeckt, der in seine graugrüne Decke eingewickelt noch in der Wegfurche lag. Von Barsewisch ist wie angestochen aus seiner Decke gesprungen und wirft sich auf die Wiese, während der Reiter mit Mühe sein Pferd ruhig bekommt. Viele freundliche Worte findet der Mann nicht mehr für uns, er will nur wissen wer wir sind und wo wir hinwollen- bestimmt um sicher zu sein, daß wir bald verschwinden.

Die  Erinnerung an die nächsten Stunden erfüllt mich mit Freude. Ich weiß nicht warum, aber ich kann mich an die kleinste  Einzelheit erinnern. Jedesmal kommen mehr Details aus der Erinnerung und lassen mich die Stimmung wiedererleben.

Von unserem Schlafplatz gehen wir wieder auf die Straße und laufen nach Norden bergab. Wir mögen etwa eine Stunde gegangen sein, als hinter einer Biegung ein paar Hütten auftauchen, ein ausgeschlachteter Straßenkreuzer durch den die Schlinggewächse vom Straßenrand wachsen, die ersten schiefen Strommasten. In der üppigen Vegetation und dem frischen Sonnenlicht des Sonntagmorgens liegt da plötzlich ein Dorf. Angemalte Holzhäuser mit Veranden davor, Türen und Fenster alle offen, Männer, Frauen und Kinder in sauberen Sonntagskleidern, viele auf dem Weg zu einer Kirche, deren Glöckchen im schiefen Holzturm bimmelt. Nagelneue Sombreros auf den Köpfen der Männer und die Frauen mit frischer Dauerwelle. Die schwarzen Frauen haben mit Spray und Gelatine ihre Kraushaare gebändigt und tragen mit Würde das Gebetbuch. Radiomusik aus offenen Haustüren und Autofenstern klingt weit in der klaren Luft, und wir spüren eine Leichtigkeit und Heiterkeit in der ganzen Siedlung, die uns sofort die Müdigkeit der unbequemen Nacht vergessen läßt. Ich glaube, daß sogar die Hühner, die in Wasserrinnen kratzen und ein paar Schweine in den Hausgärten von dem Licht und der freudigen Stimmung belebt sind.

Ein rotes Coca Cola Schild leuchtet über einer Tür, "Bar/ Restaurant" steht auf einem frischgemaltem Schild und die freundlichste schwarze Frau lacht uns mit blitzendweißen Zähnen an. Wir grüßen aufgekratzt, sie grüßt zurück und fragt: "had you breakfast?" Uns knurrt der Magen und die Zunge klebt am Gaumen, natürlich müssen wir noch frühstücken. Sie läßt uns ein und führt uns auf die hintere Veranda an einen mit Wachstuch gedeckten Tisch. Unser Blick schweift über die tropische Wildnis des Hausgartens, im Gebäude rumpelt der Motor eines riesigen Kühlschranks, die Dampfpfeife des Wasserkessels flötet und aus einer Pfanne hören wir heißes Fett aufzischen. Die Wirtin hantiert flink in ihrer Kochecke herum und kommt im Handumdrehen mit einer Kanne Kaffee, Butter und  einem Berg braungelber Toastscheiben auf die Terrasse. Tassen, Teller und Besteck hat  schon verschämt lachend ihre kleine Tochter gebracht. Auf die Teller läßt sie dann Spiegeleier mit knusprig braunen Rändern aus der Pfanne rutschen und spießt aus einem Topf wellig, braungebratene Speckscheiben. Wie soll ich das wohlige Gefühl schildern das bei einem solchen Frühstück aufkommt und unter solchen Umständen genossen wird.

Die Wirtin will natürlich wissen wo zwei Gringos, denn das sind wir ohne Frage, um diese Zeit zu Fuß herkommen und sie lacht sich kaputt, als sie hört, wir hätten auf dem Latifundio des alten Gonzales geschlafen und wie von Barsewisch geweckt wurde. Beim Lachen bebt ihr ganzer Körper und ich habe das Gefühl, daß sie die Veranda ins Schwingen bringt.

Die Sonne ist schon hoch und heiß als wir weitergehen. Weil uns der Preis für das Frühstück nicht hoch vorkommt, geben wir ein gutes Trinkgeld und stecken dem kleinen Mädchen noch einen Dollar zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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