Berge können nicht Kanu fahren

      Reisebericht aus dem kanadischen Yukon

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Berthold Baumann

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Inuvik

So erreichte ich recht flott Inuvik, die "Stadt der Menschen". Die Retortenstadt ist gar nicht so hässlich, wie ich befürchtet hatte. Sie wurde erst in den 50ern von den Kanadiern erbaut, um die Eskimos - Tschuldigung, Inuit, was "Menschen" heißt - besser erreichen zu können. Eskimos ist nämlich politisch nicht mehr korrekt, weil es "Rohfleischfresser" bedeutet. Den Namen haben sie übrigens von den Indianern bekommen, die jetzt auch nicht mehr Indianer sondern First Nations heißen. Kann ich irgendwie nachvollziehen. Alles nur, weil sich so ein blöder italienischer Wassersportler in spanischen Diensten verfahren hat. Wie dem auch immer sei, nun leben rund 3.200 Inuit, First Nations vom Stamm der Gwich'in Dene und Weiße - die heißen immer noch so - hier mehr oder weniger gesellig beisammen. Ganz schnuckelig. Die verfügen über so ein übererdiges Fernwärmesystem, so dass überall Kanäle und Brücken (geht da nicht jede Menge Wärme verloren bei Temperaturen von -50° im Winter?) durch die ganze City führen. Ach ja, so eine Kirche in Iglu-Form gibt es auch noch. Man muss den Touris ja was zum Fotografieren anbieten. Ich bin Touri, also fotografierte ich sie.

Entgegen meiner ursprünglichen Absichten, direkt wieder zurückzufahren, blieb ich noch. Am nächsten Tag: Blauer Himmel, Sonnenschein und Hitze. Ich krichte en Koller. So, ich stiefelte ins nächste Adventure-Tours-Büro rein und buchte einen Flug nach Herschel Island - auf eskimoisch bzw. innuitisch - heißt es Qikiqtaruk. Das Inselchen gehört wieder zum Yukon Territorium und weiter gen Norden geht es im Yukon nicht mehr. Zu viert - zwei Engländer, ein Kanadier und meinereiner - in so ein kleines Wasserflugzeug, wie gehabt. Ganz klasse: Wir flogen über das McKenzie-Delta. Irrsinnig viele Arme (Fluss-), Sumpf und Seen. Die aktuellen Flussarme konnte man an der kakaoähnlichen Farbe des mitgeführten Gletscherschlamms erkennen. Die Seen variierten in zahlreichen Schattierungen von grün bis blau. Ach ja, da trabte auch noch so ein komischer Moschusochse rum, aber vom Flugzeug aus, zählt das nicht richtig.

Außerdem hielt ich Ausschau nach einer Arche. Ich höre schon wie ihr sagt "Jetzt ist er total durchgedreht". Aber nein. Ich hatte in Schimmel einen Deutschen getroffen, der mit ein paar Kumpels eben jene Arche bauen wollte, so als Kunstwerk. Sah sie aber nicht. Bei der Ausdehnung des Deltas kein Wunder. Mittlerweile ist sie fertig und ich habe mir die Bilder im Internet angeguckt. Echt durchgeknallt.

Herschel Island war so um 1900 rum eine Walfangstation der Amis. Da stehen jetzt nur noch so ein paar Hüttkes (Nein Suse, keine Schlösserkes). Aus dem Flugzeug und Wind. Herrlich erfrischend. Da die Insel ein Nationalpark ist, erklärte uns ein Ranger, was hier damals so abgegangen ist. Ganz lustig Männeken, vor allem konnte er gut erzählen. Er ist Inuit und seine Großeltern lebten schon hier. Erzählte ein paar witzige Geschichtchen aus Herschels Vergangenheit.

Noch eben den Friedhof besucht - finde ich ja immer ganz interessant mit den verwitterten weißen Holzkreuzen, ist wohl eine morbide Ader in mir; die Inuit begraben übrigens nur die "bösen" Menschen, die guten werden mit guter Aussicht auf eine von ihnen gewünschte überirdische Position gesetzt - und so einen Hügel hoch. Erstens sah ich immer noch keine Karibus - die sollten sich in dieser Jahreszeit eigentlich hier tummeln - und zweitens schwitzte ich wie ein Huskie im griechischen Sommer. Ich fragte unseren Piloten, ob noch ein wenig Zeit für einen kurzen Sprung ins Meer bliebe. Er grummelte irgend etwas von "crazy germans" und ich nahm das als Zustimmung. Also rein in den Pool, der sich hier arktisches Meer nennt. Angenehme Schwimmtemperatur. Der Ross war kälter.

Tja, den Karibus habe ich es schließlich gegeben. Erst in der Karibik - da war ich im vergangenen Winter - keine und hier auch nicht. In einem Restaurant in Inuvik ein Karibu-Steak bestellt. War ganz lecker, halt der typische Wildgeschmack. Nach meinen weiteren Beobachtungen arbeiten in Inuvik mindestens drei Taxiunternehmen mit zusammen bestimmt 20 Taxen. Das gibt es auch nur in Nordamerika. In Deutschland würden die sofort Pleite machen.

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