Frachtschiffreise

      Reisebericht

Teil 2 

 

   

 

Zwischen Antwerpen und Gibraltar

... Aufstehen kann ich nur noch, wenn ich mich wirklich gut festhalte. Der Seegang hat alles durcheinander gewürfelt. In unserer Wäschekammer herrscht Chaos und der Koffer liegt verquer. Die Waschutensilien sind über den Boden verstreut. Auch im Salon liegen die Bücher und Hefte auf dem Fußboden, der Papierkorb kullert durch den Raum. Im Badezimmer geht der Duschvorhang immer wieder selbstständig auf und zu. Die Schranktüren haben wir inzwischen mit Papierknäueln verklemmt. Aber nun öffnen sich, wie von Geisterhand berührt, sogar die schweren Schubladen des Schreibtisches von ganz allein. Wenn mir nicht so elend zumute wäre, würde ich vielleicht über dieses Szenario lachen. Es knirscht und knarrt überall im "Gebälk". Hinter unseren Schlafzimmerfenstern ist ein dicker Eisenträger, der bei den ganz großen Bewegungen mit lautem Getöse in seiner Halterung herumdröhnt.

Bei diesem Wetter ist es schon eine merkwürdige Seefahrt! Der Kapitän saß bisher immer sehr aufgeräumt bei uns am Tisch und hat mit uns geplaudert, doch seit kurzem ist er "nicht mehr anwesend."

Die Kanalinseln liegen am Freitagmorgen südlich von uns. Immer noch Windstärke 10, sehr hohe Wellen, Fahrt 4 bis 5 Knoten. Es ist diesig. ... Das Meer begegnet uns mit beeindruckender Energie.

Frachtschiff BrückeAuf der Brücke erfahren wir am nächsten Tag vom wachhabenden Offizier, dass der Kapitän momentan keine Besucher auf der Brücke haben möchte. Bei diesem Seegang sei die Verletzungsgefahr zu groß. ... Etwas enttäuscht werfen wir schnell noch einen Blick auf die Seekarte. Wir befinden uns immer noch im Kanal südlich von England und fahren westwärts statt südwestwärts! Mary, unsere Mitpassagierin, hat inzwischen herumgewitzelt: "I think, we will go to Canada!" Galgenhumor.

Später hat der Kapitän mit dem zweiten Offizier auf der Brücke eine lautstarke Auseinandersetzung. Geht es um den Kurs? Meine Güte, wohin sind wir geraten! Und alles fing doch so gut an! Eine nicht sehr beruhigende Situation.

Am Nachmittag erfreut uns blauer Himmel und die Sonne erwärmt uns für ein paar Stunden. Wir gehen an Deck und machen mit dem reißenden Wind Kraftproben an den Haltestangen. Wenig später hat uns eine neue Schlechtwetterfront erreicht: Schon wieder ist Sturm und es schaukelt ständig mehr.

So sehr hatte ich mich darauf gefreut, die Biskaya schnell zu durchqueren und nun krebsen wir immer noch im Kanal herum. Dabei sind wir schon den 13. Tag an Bord! Warum machen wir überhaupt eine solche Reise? Ob Erhard sich das auch so vorgestellt hat?

 

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