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Rio de Janeiro 10. Januar 2002
Bom Dia Daheimgebliebene!
Ich bin nun in Rio, eine der wohl bekanntesten Städte
der Welt, Traum aller Karnevalsjecken, erstes Reiseziel für
reiche Singles und Stadt der Erotik (wie mir der freundliche
Herr im Reisebüro erklärte und mir einen Katalog mit
den besten Pornokinos in die Hand drückte). Tja, ich muss
wohl einen heruntergekommenen Eindruck gemacht haben...!
Mein erster Eindruck von Rio (und auch von Sao Paulo) war
wie immer:
Wie kann man nur in so einer riesigen Stadt leben? Ich meine,
ich kann mir ja vorstellen, in Berlin zu leben, aber Berlin
ist ja auch klein im Gegensatz zu diesen Städten.
Überall wimmelt es von Menschen, die Ärmeren liegen
auf den Wegen herum, die Reicheren sehen weg und die Allerreichsten
lassen die Armen von Ihren Bodyguards wegschaffen. In den ärmeren
Vierteln türmen sich die Papphäuser und Wellblech-Holzhütten,
dann kommen die Ziegelsteinhütten, danach die besseren,
grafittibeschmierten Häuser, vor denen sich der Müll
stapelt (und in denen sich meistens die Hotels meiner Preisklasse
befinden, dann kommt das Centro, dann die Oberemittelschicht,
dann die Oberschicht, dann die Touristenklasse (Copacabana)
und schliesslich die Luxusvillen, die ich leider in Rio nicht
zu Gesicht bekommen kann, da die Polizei mich wohl für
zu gefährlich hält (tatsächlich hatte ich keinen
Zutritt und wurde gebeten, doch wieder in die Innenstadt zu
fahren).
In ¨einem Viertel¨ Catete gibt es kleine, schmutzige
Bars mit brasilianischer Musik, viele Buffetrestaurants (das
ist wohl der Renner in Brazil, man nimmt sich soviel man will
und das wird dann gewogen und man bezahlt einen Betrag (per
Gramm!) und auch ein paar Banken.
Dort war ich dann auch gestern, nach Öffnungsschluss,
um meine Mastercard erneut zu testen, und es war das erste Mal,
das ich meinen Brustbeutel benutzte. Wie ich dann also gerade
meine Karte ziehen wollte, öffnet sich die Banktür
und drei Security-Männer mit einem Geldsack kommen herein,
blicken auf meine Hand im Kragen, ziehen ihre sehr großen
Pistolen, der mit dem Geldsack springt zur Seite, zielen auf
mich und schreien irgendetwas.
Ich war etwas geschockt, denn sie schienen sehr nervös
zu sein und sagte nur leise: Tranquilo,tranquilo (ruhig,ruhig)!
um sehr, sehr vorsichtig meine Mastercard zu ziehen. Die Männer
entspannten sich, einer grinst und sagt auf englisch: Normally
I'm not waiting! Dann verschwinden sie und lassen mich grübelnd
zurueck! Was er wohl mit "not waiting" meinte?
So, das war das gefährlichste in Rio und S.Paulo bisher,
heute war ich mal wieder im Meer, an der Copacabana, habe die
Riesenstatue von Christus gesehen (aber nur aus der Ferne, da
mir 20 Real zu teuer waren), den Zuckerberg (auch nur von unten)
und ein paar Kathedralen und Geschäfte.
Viele Gruesse vom TIM!
Arraial dÁjuda 15. Januar 2002
(ca 39° West / 17° Süd Brasilien / Atlantikküste)
Hallo mal wieder,
ich bin fast im Paradies. Es ist fast perfekt:
Sonnenschein den ganzen Tag, ich liege am Strand unter Palmen,
trinke Milch aus frischen Kokosnüssen, bade im warmen,
sauberen Atlantik, jeden Abend gibt es Parties und wenn ich
nicht tanzen will, kann ich einfach nur unterm freien Sternenhimmel
sitzen und Mracujasaft schlürfen und laut Zimtfischtexte
singen.
Alles ist billig hier, Früchte, Bier, Essen, Unterkunft,
soviel man braucht fuer unter 10 Euro pro Tag. Man kann Fußball
spielen am Strand, trampen zu entlegeneren Urwäldern um
in Wasserfällen zu duschen oder einfach nur durch die Straßen
wandern, um sich exotische Waren und Geschäfte anzuschauen.
Aber es ist nur fast perfekt.
Es wimmelt hier von brasilianischen und, wie kann es anders
sein, israelischen Touristen, und es ist wirklich schwer, ihnen
zu entgehen.
Das soll jetzt nicht heißen, dass ich jene Leute nicht
schätze, aber ich kann bald kein hebräisch und portugiesisch
mehr hören und genieße zur Zeit mehr die Einsamkeit.
Und ich bin der einzige Deutsche hier in Arraial dÁjuda,
eine Kuriosität unter den Touristen und daher immer gern
gesehen und gefragt. Und mein Name hier ist Tschim, da die Brasileiros
kein t sprechen koennen. Trotzdem geniesse ich meine Auszeit
hier, lehne mich nun eine Woche zurueck, um Postkarten zu schreiben
und meine Wunden zu lecken.
Das wars schon, bis bald, viele Grüße vom TIM!!!
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