Sao Paulo

      Reisebericht

 

   

 

Sao PauloIch habe Sao Paulo schon geliebt, bevor ich es überhaupt kannte. Alleine die zehn Minuten, die wir über die Stadt flogen reichten, um mich für sie einzunehmen. 16 Millionen Einwohner, drittgrößte Stadt der Welt. Ich wusste nichts über sie, außer was ich im Lexikon in der Bibliothek gelesen habe. Nämlich, dass es im Winter bis zu fünf Grad kalt werden kann.

"Wenn es mir nicht gefällt, komme ich nach zwei bis drei Monaten wieder", sagte ich zu den Daheimgebliebenen zum Abschied. Ich blieb sechs Jahre.

Ein deutsches Institut hatte mich eingeladen, in der Megastadt zu arbeiten und trotz anfänglicher Zweifel sagte ich zu. Bei meinen Reisen durch Dritte-Welt-Länder hatte sich mein Wunsch verstärkt, eine Zeit lang in der Dritten Welt zu leben. Bloß ist Sao Paulo keine Dritte Welt, wie sich herausstellte. Bedingt durch großen Reichtum einiger weniger, einer für diesen Kontinent recht großen Mittelschicht und den Rest der in Armut Lebenden ist es Erste und Dritte Welt zusammen.

Am Anfang litt ich entsetzlich unter den ungerechten Lebens- und Arbeitsbedingungen, die ich um mich sah. Brasilien ist das Land mit den ungerechtesten Lohnverhältnissen auf der ganzen Welt. "Da gewöhnt man sich dran", meinten alle und so war es tatsächlich. Kamen mir am Anfang noch die Tränen in die Augen, wenn ich an einer "Favela" vorbeifuhr, wie die Slums hier genannt werden, ließ mich ihr Anblick später kalt. So war halt die Welt.

Ich genoss die Stadt in vollen Zügen und nahm alles mit, was sie zu bieten hatte: Vernissagen und Ausstellungen, Kino und Filmfestivals, ausdrucksstarke Theatervorstellungen, gute internationale Restaurants, Diskotheken und andere Tanzpaläste. In der Tat ist die paulistanische Küche angeblich die beste von ganz Lateinamerika. Das liegt daran, dass die Paulistas, so die Einwohner von Sao Paulo, im Gegensatz zu den Cariocas zum Beispiel, den Einwohnern von Rio de Janeiro, keinen unmittelbaren Strand in der Nähe haben. Von daher wenden sie sich kulinarischen Genüssen zu. So gibt es viele Pizzarias (unbedingt Pizza Frango Catupiry probieren: Hühnchen mit einem wohlschmeckenden Schmelzkäse, den es nur in Brasilien gibt), deftige Küche aus Minas Gerais, dem benachbarten Bundesstaat, viel Sushi (vor allem im Japanerviertel), arabische Restaurantketten und andere. Bloß Thailänder und Inder sind im Verhältnis zu Deutschland unterrepräsentiert.

Der nächste Strand liegt ca. eine Autostunde von Sao Paulo entfernt und kann aufgrund der vielen Hochhäuser fast Klein-Sao Paulo genannt werden. Empfehlenswert ist es, noch eineinhalb Stunden dazuzulegen und zum Litoral Norte, der Nordküste zu fahren. Dort findet man zwischen dschungelbewachsenen Hügeln schöne und nicht so überfüllte Strände, ein wahres Paradies der Tropen. Ohne diese Strände, die ich über Jahre hinweg fast jedes Wochenende besuchte, hätte ich sicher nicht geschafft, in Sao Paulo zu überleben, denn wer dort die ganze Woche arbeitet, braucht dringend Erholung in Form von Ruhe und Grün.

Sao Paulo hat touristisch nichts zu bieten. Es ist eine Stadt zum Leben und Geld verdienen mit einem hohen Preis. Ständiger Lärm und Elektrosmog schlagen auf die Gesundheit. Die Kriminalität schlägt aufs Gemüt. Bei mir ging es drei Jahre gut, doch dann wurde ich gleich vier Mal im Auto an der roten Ampel überfallen. Der Schock, den ich davontrug, sitzt tief. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, so auch hier. Und diesen bekommt man, wenn man Pech hat, am ganzen Leib zu spüren. In Sao Paulo muss man eigentlich 24 Stunden in Hab-Acht-Stellung leben.

Vor annähernd zehn Jahren betrug die Inflation noch bis zu 28% im Monat. Durch die Währungsreform von Fernando Henrique Cardoso wurde sie gestoppt. Die Preise verdrei- bis vierfachten sich und es war fast unerschwinglich hier zu leben, vor allem mit kaum angepasstem deutschem Gehalt. Mittlerweile wurde der Real abgewertet und das Leben ist wieder erschwinglich geworden.

Sao Paulo ist durchaus mit New York zu vergleichen, wenngleich es nicht so reich ist. Doch Sao Paulo hat New York einiges voraus: die Brasilianer. Die Brasilianer sind ein Volk, von denen wir an Lebensfreude und Gelassenheit nur lernen können. Auch dem in größter Armut Lebenden können wir noch ein Lächeln abringen. Brasilianer sind für mich die, die mit dem Herzen denken und das haben sie uns voraus. Umgekehrt lieben sie an uns Deutschen die Ordnung und Effizienz.

Bleibt zu wünschen, dass Lula, der neue Präsident von der Arbeiterpartei es schafft, die Armut einzudämmen. Wer immer (beruflich) nach Sao Paulo geht, dem möchte ich Mut zusprechen, dort auf Entdeckungsreise zu gehen. Es gibt 16 Millionen Welten in dieser molochartigen Metropole. Ihre ist eine davon.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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